Cadenazzo, Tessin – Omegna, Piemont

Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 5.20 – aber mit Bus, Boot und Bahn

Wie genau muss man alles nehmen?

Auf dem Foto sieht man ohne Zweifel einen See. Der See liegt in Europa, genauer in Italien – das könnte schnell Konsens werden. Aber ist das der Lago Maggiore? Und sollte nicht dieser Abschnitt der Alpenüberquerung am Lago Maggiore enden?

Der Reihe nach. Gestern der Gewaltmarsch nach Cadenazzo, um in die Nähe des Lago Maggiore zu kommen. Den Tag davor die anstrengende Querung in das Val di Moesa, um das möglich zu machen. Und jetzt zwei Blasen an beiden Fersen, eine Zerrung im rechten Unterschenkel, und morgens konnte ich mich nur mit Mühe seitwärts aus dem Bett rollen. Mein Körper agitiert militant gegen jeden weiteren Schritt. Dafür hält der Bus nach Magadino vor der Tür und bringt jeden, der will zum Bootsanleger am Lago Maggiore. Ich will!

Nochmal zwei Stunden auf dem Deich laufen? Und um dahin zu kommen vorher durch ein Industriegebiet?

Der Bus fährt alle halbe Stunde um 13 und 43 und weil ich in der Schweiz bin, kann ich das Ticket auf dem Handy kaufen. Nach einer halben Stunde – auf das Frühstück habe ich verzichtet – bin ich dort und – enttäuscht.

Es sieht rechts und links etwas heruntergekommen aus. Und darf so der großartigen Lago Maggiore aussehen, so banal und unspektakulär?

Nach fünfzig Minuten kommt das Boot. Ich will das Ticket bis Baveno kaufen, der Mensch auf dem Boot hält inne. „Ein Boot fährt erst um 16:00 Uhr nach Baveno.“ Gut dann warte ich. Also erstmal nach Locarno. Da ist angemessener Trubel und großes Durcheinander am Hafen und erst Recht vor den Ticketschalter. Der Hafenkapitän kommt aus seinem Büro: „Baveno? Nix – fertig!“ Ich bin verwirrt. An den Ticketschalter. Es täte ihr leid, aber es gäbe heute nur eine Verbindung nach Baveno und das Boot fuhr früh morgens.

Das war es also schon mit der Böotchenfahrt auf dem Lago Maggiore.

Ich wollte nach Baveno an die italienische Seite des Lago Maggiore, weil ich denke, die Seite gefällt mir besser, als die schweizerische.

Also zum Bahnhof. Eine Strecke um den See herum, das ist gar nicht so einfach.

Entweder bis Mailand fahren und wieder zurück die andere Seite des Sees hoch oder dreimal umsteigen. Für einen Moment überlege ich, Mailand einen Besuch abzustatten – aber wer weiß, was der Tag noch bringt und ob ich die Zeit noch für etwas Unvorhergesehenes brauche? Außerdem sehe ich mit den Umstiegen mehr vom See. Das Ticket kaufe ich wieder auf dem Handy.

Auch Schweizer Züge haben Pannen. Ein junger Bahnmitarbeiter läuft durch den ersten der zwei Triebwagen und bittet alle auszusteigen, der Triebwagen sei kaputt. Also alle in den zweiten Triebwagen. – In Lugano halten wir deshalb länger. Ein Ersatztriebwagen wird angekuppelt, damit der Zug vollständig und mit genügend Platz in Mailand ankommt – und wieder zurückfahren kann.

Aber erstmal fahre ich von Locarno  zurück nach Cadenazzo. – Wäre ich von dort zu Fuß nach Magadino gelaufen, zwei Stunden in der Hitze über den Deich, dann würde ich in den Sitz beißen.

Ich steige das erste Mal in Mendrisio um – in eine S-Bahn zum Flughafen Malpensa. So weit liegt der Flughafen von Mailand entfernt? Dann ist er schneller von Lugano zu erreichen als von Mailand selbst? Die S-Bahn ist genauso wie die Schweizer Triebwagen gut ausgestattet und sauber und – das ist für mich wichtig, die Fahrgastinformation funktioniert und zeigt mir an, wo ich bin, und wo ich aussteigen muss.

In Gallarate. Dort habe ich länger Aufenthalt. Und das ist ein Abstieg. Der Bahnhof ist heruntergekommen. Für die Toilette muss ich einen Euro bezahlen.

Über die Flüssigkeit, die sich um dieses Becken am Boden herum ausbreitet, möchte ich schweigen. Der Druckknopf der Wasserspülung funktioniert nicht.

Es kommt  en Zug, ein Hitachi Triebwagen. Darüber gab es bei Kauf einige Diskussion, es gibt ja auch europäische Hersteller. Der Triebwagen sieht schon ziemlich abgenutzt aus. Und das Fahrgastinformationssystem funktioniert nicht. Auf dem Bildschirm erscheint im Wechsel Werbung, ein Kartenausschnitt und dann Aufnahmen der Videoüberwachung im Zug. Man muss etwas warten, dann kann man sich selbst sehen. Durchsagen der Haltepunkte als Alternative gibt es nicht.

Aber wir fahren bald am Lago Maggiore entlang – ich kann also doch noch den See genießen.

Allmählich, denke ich, sollte ich mich damit beschäftigen wie ich vom Bahnhof zum Hotel komme. Ich grabe auf dem Handy nach den alten Emails.

Bild vom Hotel Bianco Croce am See. Der See passt schon mal. Aber als Adresse ist angegeben „Omegna“. Ich habe das Hotel aber doch in Baveno gebucht und schon bezahlt. Am Lago Maggiore. Von Baveno kann man über den Berg nach Omegna wandern – ob das in der Hitze schlau ist, ist eine andere Frage. Der Zug jedenfalls fährt nach Baveno, Richtung Domodossola. Die Emails andrerseits bleiben strickt dabei, dass das Hotel in Omegna liegt.

Um ein Haar hätte ich im Hotel angerufen und gefragt, an dem Strand welchen Sees liegt das Hotel? Aber beruflich bin ich vorbelastet und vertraue letztlich mehr dem geschriebenen als dem gesprochenen Wort. Also Omegna. Wahrscheinlich habe ich bei Booking auf der Karte das Hotel ausgewählt, weil die Übernachtung nur 60 Euro kostet. Auf der Karte liegt Omegna fast neben Baveno, wenn nicht der Berg dazwischen wäre.

Ich füge mich den Fakten und frage mich: Wie komme ich jetzt am Nachmittag nach Omegna. Der Zug, in dem ich sitze, endet in Premosella. Ich gebe auf der Internetseite von Trenord, in deren Zug ich sitze, ein, dass ich von Premosella nach Omegna möchte und erhalte als Antwort: „Eingabe unbekannt!“ Aber auf meiner Karte ist eine Eisenbahnlinie, eingleisig, von Premosella nach Omegna eingetragen. Ein anderer Streckennetzbetreiber? Vielleicht Trenitalia? Auf deren Internetseite gebe ich wieder die Orte ein. Premosella kennt er, dann aber „Diese Destination gibt es nicht!“

Ich bin anscheinend der letzte im Zug, denn der Schaffner kommt durch den Zug und fragt mich, wo ich hin will. „Omegna“. – „Gleis 6“ antwortet er. Ich bin erleichtert. In Premosella gibt es einen gedruckten Fahrplan und danach müsste um 16:10 Uhr ein Zug nach Omegna fahren. Der Bahnhof sonst ist wie ausgestorben. Es ist so heiß, dass die Luft flimmert. Ich stehe an Gleis 6 und warte, dass die Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“ erklingt. Als ein Güterzug mit Containern für Nordeuropa durchfährt, hätte ich beinahe getanzt und gewunken.

Um 16:05 schaltet das Ausfahrtssignale tatsächlich auf grün und pünktlich um 16:10 kommt der Zug. Ein paar Mitreisende tauchen plötzlich auf. Ich steige in den Triebwagen ein und suche nach einem Platz. Die blauen Sitzbezüge sind verschlissen, das Füllmaterial schaut an den Kanten raus. Die Sitze sind durchgesessen. In der Lichtleiste an der Decke liegen abgeschnittene Kabel und verdunkeln das Licht.

Ich probiere noch einmal im Internet das Ticket zu kaufen. Und endlich gebe ich Omegna mit Großbuchstaben am Wortanfang ein und Trenitalia erkennt plötzlich die Destination. 3,80 Euro soll die Fahrt kosten. Ich will bezahlen, habe meine Kreditkartennummer eingegeben, da ploppt ein Fenster auf, ich sollte mich an den Service Provider wenden.

Der Schaffner kommt, um auf dem Bahnsteig den Zug abzufertigen. Ich melde mich bei ihm, dass ich noch ein Ticket brauche. Er nickt mir freundlich zu und geht wieder in den Führerstand. Beim nächsten Halt suche ich wieder seinen Blick und er nickt mir freundlich zu und geht an mir vorbei.

Wahrscheinlich ein intelligenter Schaffner, der seinem Unternehmen Kosten ersparen will. Für eine dreiviertel Stunde Fahrt durch das Piemont drei Euro achtzig Cent, da kostet das Verbuchen und das Abrechnen der Steuer mehr als das Ticket in die Kasse bringt.

Ich erinnere mich an das Ticket, das ich am Morgen gekauft habe. 38 Schweizer Franken, davon waren 30 Franken für die SBB und 8 Franken für Trenitalia, obwohl über die Hälfte der Strecke in Italien liegt.

In Deutschland herrscht ein wenig Begeisterung für den Bahnverkehr in den Nachbarländern und – sogar (sic!) – in Italien. Die ferrari-roten Schnellzüge, endlich auch bei uns!

Aber die scheinen in Italien Teil des Problems zu sein – und nicht die Lösung.

So sieht der Zug, in dem ich sitze, von außen aus. Von innen hatte ich den schon beschrieben. Das ist fehlende Instandhaltung – wahrscheinlich weil das Geld für die Züge auf dem Land fehlt. Hier sind die Züge anders rot, rost-rot.

Zurück zur Ausgangsfrage. Wie wichtig ist es zu wissen, ob der See auf dem Bild der Lago Maggiore ist – und warum sollte er der Lago Maggiore sein?

Nein, ich schweife noch Mal ab! Auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel am See, sehe ich einen jungen Mann genüsslich ein Eis essen. Ich frage, wo es das Eis gibt. Ein Vespafahrer, der sich gerade den Helm aufsetzen will, hält inne und antwortet schneller. „Gelateria Pastore!“ Der andere nickt. Die Straße runter, da drüben. Auf den Bänken vor der Gelateria sind Erwachsene und Kinder. Gelateria, „Pastore“, damit muss ich gemeint sein. Vier Kugeln sind dem heutigen Tag angemessen. Da sitze ich mit Rucksack auf einer der Bänke und komme mit einem Forstwirt Eis leckend ins Gespräch. Er fragt nach meiner Reise und dann reden wir über den Wald. Über das, was unübersehbar ist. Die Borkenkäfer, die Waldbrände, die vertrockneten Büsche und Wiesen. Er sagt, dass die nächsten Jahre schlimm werden und für den Wald entscheidend. Er verabschiedet sich zur Arbeit.

In den nächsten Tagen höre ich spätestens ab Mittag die gelben Amphibienflugzeug. Sie schweben auf dem See ein, wassern und laden Wasser und fliegen wieder hoch in die Berge um Feuer zu löschen – zwei Flugzeuge kurz hintereinander. Heute fliegen sie ununterbrochen.

Ich schlurfe zum Hotel am See, das liegt in Omegna und am Lago d’Orta. Es ist schön hier, richtig italienisch!

Ein Kommentar

  1. Italien, Sonne, See …und endlich Gelati… herrlich. Das solltest Du öfter genießen, Du hast es Dir sowas von verdient 🦶🦵💪

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