Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 6.02, 01.08.26
19,4 km, 1.618 hm rauf, 1.097 hm runter, 7:04 / 8:23
Gestern Abend in Rimella gab es bei diesem feudalen Essen mit einer nicht zählbaren Zahl an Gängen noch eine heftige Diskussion, politische Diskussion am Tisch. Die Wanderin, die wie ich in Forno losgegangen war, als Sonderschullehrerin aus Baden-Würtemberg, zwei Berliner mit einer Ost-Sozialisation, ein Zürcher, der mit einer Stiftung in seinem Stadtteil („Quartier“) viel Sinnvolles und Gutes tut. Er dichtet auch Lieder und wir hatten uns zuerst über sein Tauflied unterhalten. Aber dann ging es um die Ukraine. Ich war überrascht, dass er als Schweizer vollständig das Narrativ Putins übernommen hatte, dass die Nato „gegen Russland vorrücken“ würde und der Überfall auf die Ukraine reine Selbstverteidigung sei. Dass „Ost“-Berliner, besonders wenn sie in ihrer Jugend noch durch Russland gereist sind, solche Positionen übernehmen, überrascht eher nicht. Aber auch bei der Ursache des Abschusses der niederländischen Passagiermaschine sei nicht Russland, sondern die „faschistische“ Ukraine schuld. Es ist gut Mal außerhalb der eigenen Blase mit Leuten zu reden.
Der halbe Liter Wein und besonders der Grappa war dann aber zu viel für mich – jedenfalls am nächsten Morgen.
Morgens wurde es später, weil natürlich auch das Frühstück mit viel frischem Obst lecker war. So bin ich erst um halb neun unterwegs.
Erst runter zum Fluss – am Obu Hüsch vorbei, wo ich um ein Haar noch einen Espresso bei der netten Wirtin getrunken hätte – und dann hinauf in den Sattel, en mir gestern der Italiener gezeigt hatte – der mich ermahnt hatte, nicht schon bei den Vorspeisen zuzuschlagen. Es war steil, aber ein schöner Weg durch den Wald. Es lagen häufig grüne Tannennadeln auf dem Weg: Der Borkenkäfer ist also auch schon hier an der Arbeit. Ich musste an den Eis essen den Förster in Omegna denken.
Im Sattel traf ich alle GTA Wanderer von der Diskussion gestern Abend wieder – sie wollten nur bis zum Rif Barranca gehen, da ich aber noch weiter wollte, deshalb sputete ich mich. Bergab, eine Querung bis über das Dorf Santa Maria. In dem Dorf, steil am Hang, alle Häuser durch Treppen und Meterbreite Gässchen verbunden – ohne Plätze oder Gärten. Natürlich verlaufe ich mich. Das ist als Protestant in Santa Maria nicht so „ab-wegig“. Dann geht es auf gleicher Höhe in das Tal hinein, sehr klug, denn aus diesem Tal muss ich wieder raus nach oben und würde ungern Höhe verlieren. Es geht noch ein gehöriges Stück über die Asphaltstraße bergauf, aber an deren Ende beginnt dann der steile Aufstieg zur Alm – am 14:00 Uhr soll es Gewitter und Regen geben. Ich beeile mich. An dem Rif Barranca zwei Dosen Süßgetränk und weiter. Ich treffe eine Familie und wir diskutieren wie lange das Wetter noch hält, die Wolken über uns sind schon schwarz und schwer. Ich steige zügig weiter auf zum Col d’Egua, 2.239 m, noch immer kein Tropfen aus den Wolken. Jetzt schnell runter.

Etwa dreihundert Meter über der Hütte treffe ich auf Marco und seine Tochter Suzanna, wir diskutieren, wo wohl der Weg weitergeht. Wenn die beiden sich unterhalten lachen die beiden sehr viel. Einer sagt was und der andere lacht. Ich überleg, ob ich auch so fröhlich und entspannt mit meinen Kindern unterwegs war. Die Fröhlichkeit der beiden ist ansteckend. Marco lädt mich zum Bier auf der Hütte ein. Wir reden über Gott und die Welt und vertilgen nebenbei eine große Platte Wurst und Käse. Marco ist Statistiker im Gesundheitswesen und unterrichtet an der Uni Mailand. Seine Tochter ist in der 12. Klasse – falls das italienische mit dem deutschen Schulsystem vergleichbar ist – und überlegt Psychologie zu studieren. Ich erzähle vom Gefängnis. Dann sind wir wieder bei Statistik, deren Ergebnisse natürlich hochpolitisch sind (Corona, aber auch „Hitzetote“). Ich hatte ja auch mit medizinischer Statistik während meines Krebs zu tun. Wir sind uns einig, dass auf eine einzelne Person heruntergebrochen an Aussagekraft nur übrig bleibt: Entweder stirbt man oder man überlebt. Auch darüber lachen wir.
Marco lädt mich für den nächsten Morgen zum Kaffee in Carcóforro ein. Da ich morgen nur eine kurze Strecke habe, wird das passen.
Das Abendessen und die Nacht in der Hütte ist einzigartig. Eine Familienfreizeit mit fünfzig Erwachsenen und Kindern fast jeden Alters bevölkert die Hütte und den einzigen Schlafsaal. Der Lärm beim Abendessen erinnert mich an die Freizeiten, die ich mit Bettina gemacht habe – Gruß an Bettina! – Aber trotzdem kriege ich kaum einen Bissen runter, obwohl mir meine Tischnachbarn kontinuierlich das Weinglas auffüllen. Immerhin kann ich etwas schlafen.

