WN 2.15 – Spittal – Weißensee

10,7 km, 423 hm rauf, 70 hm runter, 2:22 h

Es ist das erste Mal, dass ich morgens eine gewisse Zurückhaltung, Faulheit, ja, fast eine Arbeitsverweigerung spüre. Ich trödel beim Frühstück, beim Packen und als ich dann merke, dass ich den Zug nur noch durch Rennen erreichen kann, lege ich mich vollständig angezogen noch einmal aufs Bett.

Es hat zwar aufgehört zu regnen, aber der Berg ist in Nebel gehüllt. Ich habe mich eigentlich entschieden, mit dem Zug bis nach Steinfeld zu fahren und von dort nach Techendorf am Weißensee zu laufen. Und trotzdem schaue ich hoch zu dem Berg, es reizt mich, alle Pläne über den Kopf zu werfen und dort hoch zu steigen. Aber ich bin vernünftig oder genauer, ich bin faul und freue mich, noch 22 Minuten im Zug sitzen zu dürfen. Und ich beschwichtige mich, auf 2.200 Metern durch Nebel zu laufen, nichts zu sehen und trotzdem fast 12 Stunden reine Gehzeit zu haben, ist in neuen, nicht eingelaufenen Schuhen alles andere als schlau. Also liege ich auf dem Bett und schaue, wie gut sich in der Textverarbeitung diktieren lässt, zumindest wenn man Internetverbindung hat.

Am Bahnhof packt mich etwas das Heimweh als ein ICE nach Münster einfährt. Ich tröste mich: So nah ist „zuhause“: Reinsetzen, ein paar Stunden Zugerestaurant.– So schnell erreichbar, dann kann ich auch noch unterwegs bleiben.

Am Bahnsteig überrascht mich ein Plakat:

„Arbeiterkammer“: Das ist keine Gewerkschaft, sondern alle abhängig Beschäftigten sind Pflichtmitglieder, insgesamt vier Millionen, bei neun Millionen Einwohnern. Die rechtlich festgelegten Aufgaben sind aber dieselben wie die von Gewerkschaften. – Interessantes Konzept diese Pflichtmitgliedschaft.

Als ich aus dem Zugfenster Berge sehe, die mit weißem Puderzucker bestäubt sind und ich mich erinnere, dass die Schneefallgrenze auf 2.000 m runtergehen sollte, schließe ich mich immer mehr meiner Meinung an, dass es klug ist, nicht über den Berg nach Techendorf zu gehen. Und die Drau führt Hochwasser.

Der Zug schaukelt mich nach Steinfeld, einem Bahnsteig fern ab von einer Ansiedlung. Erst ein Stück auf dem Drauradweg – ich werde ständig von Radfahrern überholt, vielen E-Mobilen. Endlich geht es bergan und ich tauche wieder ein in die Ruhe und Einsamkeit. Aber es ist nur ein kurzer Spaziergang und ich bin am Weißensee.

Abends unternehme ich mit Badetuch einen Ausflug an den Hotelsteg am See. Noch bevor ich daran denke, mich auszuziehen und einen Zeh ins Wasser zu halten, bin ich vom Wind durchgefroren. Selbst das Handtuch wärmt mich nicht. Eine Frau, die grade aus dem Wasser gestiegen war, lacht.

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