Maloja, Engadin – Innerferrara, Averser Tal, Graubünden

Wien – Nizza, WN 5.15+16, 24.07.26

35 km, 1.414 hm rauf, 1.750 hm runter, 8:56 / 10:35 h

Auf der Rifugio Eita war neben mir ein Einzeltisch für noch einen Einzelwanderer gedeckt. Via Alpina, die rote: Von Triest nach Monaco. Wir kamen ins Gespräch. 2023 war er Wien – Nizza gelaufen. Und im Gespräch vergaßen wir nach unseren Namen zu fragen. Jetzt habe ich zwar ein Gesicht, aber keinen Namen. Im Hotel in Maloja trafen wir uns beim Frühstück wieder. Er hatte am Vorabend im Hotel gefragt, ob sie noch ein Zimmer frei haben und der Mensch an der Rezeption tat ganz großzügig, als er ihm den Zimmerpreis von 200 Schweizer Franken auf 140 ermäßigte. Ich hatte über Booking das billigste Zimmer für 120 SFr bekommen.

Es ging direkt in Maloja steil den Berg hoch, aber auf einem guten Weg. Noch einmal gehe ich nach Norden, obwohl ich doch nach Süden ans Mittelmeer will. Aber die rote Via Alpina hat den Vorteil, dass sie die Täler, die zu den norditalienischen See führen, so weit im Norden quert, dass man nicht zu tief absteigen muss.

Nachdem Maloja weit unter mir lag, ging es zum Lac del Lunghin. Und dort schon sah die Landschaft wild und weit aus. Hinauf zum Pass Lunghin, 2.644 m. Überall kristallines Gestein, das in der Sonne funkelte – wie viele kleine Kristalle. Hinab ging es durch eine Serpentindecke, durch die Stufen für den Weg geschlagen und gebaut wurden. Auf dem Bild sieht es nur halb so gut aus, wie im Sonnenlicht.

Keine zehn Minuten vom Septimerpass gibt es seit drei Jahren eine neue Hütte, Cesar da Sett. Ich hatte Hunger und bekam ein „Plättli“ mit Käse und Wurst und Most – aber alkoholfreien Apfelwein. Der schmeckt richtig erfrischend. Dann hinauf zum nächsten Pass. Ich konnte unten im Tal schon Juf sehen, aber der Weg stieg ein bisschen ab und wieder nach Norden auf. Unter uns waren Steilstufen über denen nach Norden zur Forcella de la Valetta am Hang gequert werden musste. Und dann au einem elend langen, verfallen Steig hinunter ins Tal. Dieser Pass soll ein Haupthandelsweg der Walser gewesen sein . Aber in der Zustand wie der Abstieg jetzt ist, bekommt man diesen Steig keine Kuh hoch. Selbst ein kleines Zicklein müsste man auf dem Arm tragen! Der Blick zurück.

Im Averser Tal in Juf – der höchsten ganzjährig bewohnten Siedlung in Europa – musste ich entscheiden, ob und wie weit ich noch gehen wollte. An der Postbushaltestelle an der Bar saß mein Weitwanderkollege. Wir beide noch ganz fit, auf jeden Fall zu fit, um jetzt den Tag zu beenden. Nach zwei Dosen alkoholfreiem Most, bin ich die Kantonsstraße runtergelaufen. Der sogenannte „Walserweg“ führt in diesem oberen Abschnitt ziemlich unmotiviert wahlweise rechts oder links den Hang hoch und wieder runter – weil die originale Walserstraße jetzt die Kantonsstraße ist. Ich bleibe auf der Straße. Der Bus fährt an mir vorüber und nach einer Stunde kommt er wieder das Tal hoch mir entgegen.

Ab Cresta wählt die in den sechziger Jahren neu gebaute Kantonsstraße mit zahlreichen Brücken einen anderen Weg als die alte Straße ins Averser Tal: Die „Alte Averser Straße“ ist von Ehrenamtlichen mit öffentlicher Unterstützung restauriert und wieder begehbar gemacht worden. Es ist ein Schmuckstück geworden! Ab Cresta geht die Straße steil hinunter ins Tal, das hier zur Schlucht wird.

Beeindruckt hat mich der Schulweg der Kinder von Cresta bis 1957 die neue Straße fertig war.

Von Cresta nach Cröt zur Schule habe ich eine gute Stunde gebraucht.

Dann musste ich aber wieder auf die Kantonsstraße – ein Stück des Weges war gesperrt. Aber ab dem ersten Tunnel der neuen Straße ging es wieder auf die Alte Averser Straße. Ein absolutes Highlight. Die neue Brücke über der alten aus dem 19. Jahrhundert, die auf der Grenze zu Italien liegt, Punt di Valle di Lei. Als ich wieder ein Stück Kantonsstraße laufen muss, kommt der Postbus zum dritten Mal mir entgegen: Der Busfahrer winkt mir freudig zu. Dann geht es von der Straße runter zum Finale vor Innerferrara.

Wenn es dem Verein „Alte Averser Straße“ gelänge, dort wo es unvermeidbar ist auf die moderne Straße auszuweichen, neben der Kantonsstraße einen Weg anzulegen, wäre diese Straße auch im innerschweizerischen Vergleich kaum zu übertreffen.

Der Fluss der neben mir rauschte in einer tiefen spektakulären Schlucht, der Ragn da Ferrara, wird auch „Averser Rhein“ genannt, weil er mit den anderen Flüssen in den Tälern dort den Hinterrhein bildet. Das Wasser dort unten fließt demnächst in Köln und Düsseldorf vorbei.

Um halb Sieben war ich am Gasthof in Innerferrara. Ich war müde, aber es ging mir ganz gut. Und was habe ich zum Abendessen getrunken? Sure Most, alkoholfrei, aus einer Flasche mit Porzellanverschluss in einem Tonkrug.

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