Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 4.05, 27.06. 26
24,3 km, 1.225 hm rauf, 1.385 hm runter, 8:22 h
Es donnert. Aber wie es sich gehört. Es ist 16:00 Uhr. Um Vier darf es in den Alpen Gewitter geben.

Wir waren darauf vorbereitet und sind um 5:30 Uhr aufgebrochen, wissend, dass wir einen langen Tag geplant hatten, planen mussten, weil wir auf der Rifugion Galassi keine Übernachtung bekommen hatten. Die Wirtin der Refugio Ciareido war bereit für uns und noch vier andere Wanderer um 5:00 Uhr Frühstück vorzubereiten – vielen Dank! Das hat uns den Tag gerettet.
Der erste Abschnitt war relativ eben, ein schöner Pfad, der früher mal ein Verbindungsweg zwischen den Almen war. Christoph hatte seine Siebenmeilen Stiefel an und wir kamen zügig voran. Zur ersten Hütte, dem Rifugio Baion mussten wir knapp hundert Meter absteigen und wir kamen so früh, dass noch niemand etwas verkaufen wollte. Dann musste der Weg durch eine tiefe Rinne queren, den ein Bach – bei Unwetter ein gewaltiger Fluss – gegraben hatte. Einige Seilversicherungen führten auf die andere Seite. Gut in der Zeit kamen wir an der Rifugio Ciggiato (1.911 m) an, Pause und Pannini. Aber wir waren noch immer auf 1.900 m und mussten runter ins Tal auf 1.200 m um in das Val d’Oten zu wechseln. Wir wollten an der Marmarole vorbei, da wir sie nicht überqueren konnten – wegen fehlender Hütten im Innern der Berge.
Der Abstieg durch den Wald schützte uns von den immer höher steigenden Temperaturen. Im Tal schließlich war es drückend heiß, schwül und es ging kein Wind. Wir sind sofort in das Val d’Oten aufgestiegen. Das Tal besteht wie das Wimbachgries am Watzmann aus weißem Kalkschotter. Eine Straße ist grob planiert. Einige heute dünne Bäumchen werden hoffentlich in ein paar Jahrzehnten Schatten spenden. Aber heute! Es ist heiß, so heiß, dass man schon allein vom Atmen schwitzt. Der Kalk reflektiert die Sonnenstrahlung und die Hitze. Wir kämpfen uns das Tal hoch, in der Hoffnung, dass es an dem Rifugio Alpini etwas Kaltes zu trinken gibt.
Eltern scheuchen ihre Kinder den Weg hoch – vielleicht ist es ein Klassen- oder Kindergartentreffen an dem Rifugio. Ein kleines Mädchen kann nicht mehr, erst stapft sie weinend den Eltern und Geschwistern hinterher, dann fängt sie an zu schreien. Die Eltern sind hin und hergerissen, ob sie streng auf das Weitergehen bestehen sollen oder ihrer Tochter helfen. Wir gehen weiter. An der Hütte ist diese Familie nicht angekommen, wahrscheinlich sind sie umgekehrt – Gott sei Dank.
Das Thermometer im Schatten an der Hütte zeigt 30 Grad an – dann ist es auf dem Schuttfeld viel heißer gewesen.
Nach der Pause geht es für uns mit steifen Beinen in den steilen Aufstieg zur Gelassie Hütte, anfangs im Schatten von Bäumen, dann durch einen heißen Latschengürtel. Aber wir merken, dass wir schon höher kommen und es nicht mehr ganz so heiß ist.
Die letzten hundert Meter des Aufstiegs waren nicht deshalb anstrengend, weil es bergauf ging, sondern weil die Serpentinen nicht aufhören wollten. Wir hatten die Hütte von unten schon gesehen, es konnten nur noch 100 hm sein. Aber Serpentine reiht sich an Serpentine. Und jedes Mal, wenn wir meinten, jetzt sind wir oben, begann noch eine Serpentine – und dann noch eine.
Auf 2.000 m an der Hütte ist es merklich kühler, wir atmen auf, kaufen zu trinken – auch Wasser kostet. Eine letzte Pause vor dem letzten Aufstieg zur Forcella Piccola, 2.120 m.
Die Umgebung der Hütte ist beeindruckend, vor den Tischen ragt die Marmole Gruppe über 1.000 m auf, hinter den Tischen der Antelao mit 3.263 m. Der Antelao hat riesige, abwärtsgeneigte Plattenflächen in der Nähe des Gipfels.
Dann auf zu dem Übergang in den nächsten Teil der Dolomiten, wieder eine großartige Aufführung: Der Monte Pelmo steht als Einzelberg hoch über dem Tal, dann die Civetta, um die Ecke die Sorapis und in der Ferne die Marmolada.
Eigentlich könnte unser Weg auf einer Höhe an den Seitenhängen der Marmarole Gruppe durch eine Folge von Schuttfeldern hinüber zur Rifugio San Marco führen – aber eine mehrere hundert Meter breite Mure hat die Landschaft neu gestaltet, Latschen mit Steinen überflutet, dass nur noch schwarze Skelette aus dem Kalk Schotter herausschauen. Wir müssen absteigen und haben die große Sorge, dass wir so tief absteigen müssen, um die Mure zu umgehen – und dann nochmal aufsteigen müssen. Aber die Umleitung ist so gut angelegt, dass wir fast ohne Höhenverlust hoch oben in einem Schuttfeld auf den alten Weg gelangen. Es bleibt uns durch einige jetzt trocken Bach- / Flussbetten zu steigen und zu klettern. Es ist eindrücklich wie viel Kraft das Wasser hat, dass die Berge runterschießt, großen und kleinen Schutt mitreißt und Einfamilienhaus große Felsbrocken wie Tischtennisbälle ins Tal schiebt.
Um 15:30 Uhr sind wir an der Hütte, zehn Stunden unterwegs mit knapp 8:30 h reiner Gehzeit. Duschen!


