Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 4.06, Sonntag, 28.06.26
20,5 km, 1.229 hm rauf, 1.020 hm runter, 7 h

Wir wollten wegen der Hitze und der drohenden Gewitter früh los und hatten deshalb gebeten uns Frühstück schon am Abend hinzustellen. Um 6:00 Uhr sitzen wir vor diesem Frühstück: Kein Müsli, ein rundes Brötchen, eine Scheibe Baguettes, Butter, Marmelade, Kaffee. Wer auf der Welt denkt, dass man davon satt werden könnte, geschweige denn einen ganzen Tag über den Berg laufen!?
Der Abschied ging dann schnell. Aber sofort eine falsche Entscheidung. Von den zwei Abstiegswegen wählen wir den, der nach einem Kilometer zu einem ausgesetzten Pfad wird, der nur einen Fuß breit ist– aber in Schuhgröße 28. Wir beschließen umzukehren und den Weg zu nehmen, der zum Dolomitenhöhenweg gehört. Ja, wir kamen schneller voran, aber dann ging der Pfad in eine Fährstraße über und wir verloren uns in endlose Serpentinen. Endlich finden wir einen direkteren Abstieg, steiler, aber schneller. Wir haben Hunger. In San Vito di Cadre hoffen wir auf irgendwelche offenen Geschäfte. Eine Bäckerei – die Croissants waren eine Beleidigung ihres Namens – hatte auch Vollkornbrot und in einer Ecke eine Theke mit regionalem Käse. Gerettet. Dann sind wir in den offenen Supermarkt gezogen und mit vollen Taschen haben wir uns auf eine Parkbank gesetzt und Frühstück genossen.
Das Müsli in diesem italienischen Teil der Dolomiten nicht populär ist, hatten wir schon in Reane gemerkt: Der Wirt war ganz stolz jedem von uns zwei Tütchen von 25 g Kellogsmüsli anzubieten – Kellogg’s, die ja eindeutig für nachhaltige, gesundheitsfördernde Ernährung ausgezeichnet sind. Ich frage mich, wie ich in den nächsten Abschnitten in Italien und Frankreich ohne ausreichendes Frühstück leistungsfähig bleiben soll.
Nach dem Frühstück auf der Bank im Park ist es spät, sehr spät und sehr heiß. Erst um Viertel nach Zehn sind wir aufgebrochen. Der Aufstieg um 1.000 hm begann auf einer Teerstraße, dann auf Schotter, der von betonierten Teilstücken unterbrochen wurde.
Ich verstehe nicht, dass Hollywood die Hölle dunkelbraun rötlich darstellt. Sie ist gleißend hell und strahlend weiß und sehr heiß. Alle dreiviertel Stunden müssen wir Pause machen. Christoph findet einen Bach über den unser Weg auf einer Brücke führt und verschwindet. Als ich anfange mir Sorgen zu machen, entdecke ich, wie er im Bachs sitzt, die Füße ausgestreckt und sich alle paar Minuten Wasser über den Kopf kippt. Wir haben es geschafft uns aufzuraffen und weiterzugehen. Noch einige Höhenmeter und dann biegt ein Pfad von der Forststraße ab in einen angenehm schattigen und kühlen Buchenwald. Natürlich geht es noch immer weiter aufwärts, aber jetzt in einer immer schöneren Umgebung. Ein uralter – nicht bewirtschafteter – Wald, in dem viele abgestorbende Bäume stehen geblieben sind, so dass zwischen den alten Tannen viel Licht auf den Boden kommt und deshalb viele Blumen wachsen, gelbe, violette, rot-orange und in vielen Blautönen. Wir kommen auf eine verlassen Alm durch die ein breiter Bach plätschert – das Wasser schmeckt hervorragend. Noch Mal ein Steilstück hinauf und auf der nächsten Alm stehen Kühe. Eine Kuh hat gerade ein Kalb geboren und leckt es trocken. Das Kalb kann erst wackelig auf seinen vier Beinen stehen, der Rest der Nabelschnur ist noch nicht vertrocknet.

Die App zeigt einen Abstieg von 180 m an und dann wieder einen Aufstieg. Aber outdooractiv.com ist in dieser Gegend fehlerhaft. Wir folgen dem Weg 457 und bleiben fast auf einer Höhe und gehen durch einen schönen Wald von vielen Kalkblöcken durchsetzte.

Einziger Nachteil, auch die Kühe können offensichtlich die rot-weiß-roten Markierungen erkennen und verwandeln mit ihren Hufen den Weg in Matsch. Weit oberhalb von Cortina d’Ampezzo kommen wir an dem Refugio Croda da Lago an. Damit haben wir es geschafft, die teuren Hotels in Cortina zu umgehen, sind in den südlichen bellunesischen Dolomiten gewesen und steuer jetzt auf die Sella zu.

