Rifugio Kostner – Rifugio Valentini über die Boe-Spitze ins Gewitter

Alpendurchquerung Wien – Nizza, WN 4.09, 01.07.2026

12,3 km, 670 hm rauf, 1.304 hm runter, 5:57 h

Der Tag fängt gut an. Es gibt ein leckeres Frühstück auf der Kostnerhütte – allerdings haben wir wohl die Müsliportion für vier zu zweit aufgegessen – unsere Tischnachbarn waren noch nicht auf den Beinen.

Matteo Agreiner, der junge Hittenwirt, ist nicht nur Kletterer, der hinter dem Haus eine sieben Seillängen lange Kletterei, 6a, eingerichtet hat, er ist auch ein guter Fotograf. Mir gefällt, dass er die Menschen – Skifahrer,  Kletterer – auf seinen Bildern in der Natur klein darstellt. Nicht wie in Klettermagazinen in denen die Kletterer mit existenziell verzerrten Gesicht vier Fünftel des Bildes ausmachen und das letzte bisschen Restfelsen nicht mehr erzählen kann, warum und woran der Arme oder die Arme gerade so leidet. Bei Agreiner ist die Natur in ihrer herausfordernden Unerbittlichkeit zu sehen und in ihr der kleine Mensch, der Ski fährt, klettert oder auf Hochtouren geht. Vielleicht mögen diese Bilder für die Sportler und alle Rote-Ziegen Fans nicht so marketingtauglich sein, aber es sind eben sehr gute Bilder von Natur und Mensch, in dieser Reihenfolge.

Wir machen uns nach dem Frühstück auf den Weg und Christoph hat seine Sieben-Meilen-Stiefel an – und behauptet später, dass er gar nicht gemerkt hätte, dass er auf dem berühmten Sella Schuttband in 2.600 m Höhe entlangelaufen sei, während es links neben ihm 500 m senkrecht hinunter geht.

Vom Schuttband steigen wir durch eine Rinne zum Col di Lana, 2.770 m, auf, der nächsten Ebene des Sella Massivs. Die Rinne liegt voller Schutt und ist rechts von einer Felswand begrenzt, die linke Wand liegt weiter ab. Christoph hat die bessere Idee und folgt der rechten Wand aufwärts, während ich mich mühe im Schutt, die Serpentinen des Weges zu finden. Im oberen Ende der Rinne geht es rechts an einem Seil über leichtes Klettergelände nach oben. Als wir oben rauskommen will ich auf 2.900 m den Eissee fotografieren – aber er liegt zu weit ab und wir müssten absteigen. Also weiter aufwärts. Ab 3.000 m wird es im Aufstieg zur Boe Spitze etwas unübersichtlich. Der Kalk liegt in unterschiedlich dicken Platten und bildet so Stufen, die man an vielen Stellen hochsteigen kann – aber wo wollen wir hoch. Ich vermute noch, dass wir hier wieder runter müssen und mir grau etwas davor.

Auf 3.151 m ist Schluss, der Piz Boe mit der Campanna Piz di Fassa (das Fassatal liegt auf der italienischsprachlichen Seitte des Sella Massivs).

Der Himmel sieht durchwachsen aus, erste Wolken werden an der Unterseite dunkel und einige steigen schon sehr hoch auf. Aber wir sind noch früh, es ist 10:20 als wir die Hütte verlassen.

Der Abstieg den es für uns runtergeht ist für Hundertschaften an Wanderen ein- und ausgerüstet. Ich hasse ja oft Abstiege, weil ich dann nach unten ins “Leere” schauen muss oder auf eine Kante zugehe und erst im letzten Moment erkennen kann, wo und wie ich da runter komme. Aber dieser Abstieg ist wirklich entspannt.

Über die Weite der Sella Hochebene steuern wir das Pordoijoch mit seiner Hütte an, trinken etwas und brechen um 13:30 zum Abstieg ins Vallon del Fos auf. Steil, sehr steil in Schotter geht es bergab – die dunklen Wolken über uns werden dichter und die ersten Tropfen fallen.

Wir eilen. Wir treffen im Val di Lasties auf den Abstieg vom Pö?necker-Klettersteig und wundern uns, dass Leute noch aufsteigen. Vor der letzten Steilstufe im Val di Lasties wird es ernst, wir springen in unsere Regenkleidung und warten den ersten Schauer ab. Vor uns über dem Sellajoch alles schwarz. Von dort ist ein Donner nach dem anderen zu hören. Wir ändern unseren Plan und steigen als der Regen dünner wird, nicht zu der Straße ab, wo die auf die Sella Wand trifft – um dann dem Weg der Kletterer unter der Wand zum Ersten Sellaturm zu folgen – sondern steigen tiefer ab zur Pian de Schiavaneis. Als wir dort ankommen beginnt es wieder in Strömen zu regnen und jetzt gewittert es auch auf dieser Seite. Wir warten auf den Bus. Mit dem wollen wir zum Sellajoch hochfahren. Von dort ist es nur noch gut ein Kilometer bis zur Valentini Hütte. Als der Bus am Joch hält, blitzt, donnert, stürmt und regnet mit aller Gewalt. Wir setzen uns ins Sella Schutzhaus.

Die Italiener warnen vor Unwetter von 14:00 bis 20:00 Uhr im Trentino und Südtirol. Jetzt ist gerade drei. Wir schauen aus dem Fenster. Mehr Espresso kann ich nicht trinken. Vor der Tür werden wir fast umgeweht. Ein Stück die Straße runter vom Joch wird es etwas besser, dann auf den unter Wasser stehenden Pfad am Hang entlang und von diesem Hügel etwas geschützt in schnellen Schritten durch das Wasser, während sieben Blitzer in diesen zwanzig Minuten uns verfolgen. Die Wirtin führt uns sofort in den Trockenraum. Das Wichtige, Kamera und Handy, ist trockengeblieben. Wir duschen heiß und lange.

Die Gewitterkarte sieht grandios aus. Der Punkt ist das Sellajoch.

Morgen ist Ruhetag!

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