Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 5.05, 13. – 15.07.26
29,1 km, 884 hm rauf, 1.198 hm runter, 7:50 h
So, jetzt geht es mir wieder besser. Aber der Reihe nach.
Das Frühstück in Latsch war sehr gut mit frischer Ananas! Dann zur Seilbahn, hoch nach St Martin. Eine Kabinenbahn und die war gerade weg, so dass ich eine halbe Stunde warten musste, was mich nicht begeisterte, denn es sollte wieder heiß werden. Aber wenigstens würde ich ab St Martin nicht mehr im Tal sein, sondern auf knapp 1.700 m Höhe.

Hier oben gibt es Almen, also sind alle Straßen asphaltiert und so laufen ich die erste Stunde über Asphalt. Aber plötzlich der Wegweiser, links runter. Und sofort bin ich in einem wirklich steilen Wiesenhang – die Hänge im Vinschgau gehören zu den steilsten in den Alpen – und auf einem fußbreiten Pfad. Mich tröstet, dass unter mir ein Bauer auf seiner Wiese arbeitet. Es muss also möglich sein, hier heil rüber zu kommen. Bald geht es in den Wald und wieder auf Schotterwegen raus aus dem Wald und dann doch wieder auf verschwiegenen Pfaden weiter.

Vorbei an Ruinen von Almen. Eine Ruine soll im Mittelalter ein Knappenhaus gewesen sein. Dann sehe ich unter mir eine Hängebrücke, ziemlich neu, die eine steinschlagefährdete Bachquerung überbrückt. Ganz schön hoch, 40 -50 Meter lang – aber erfreulicher Weise keine “Abenteuer”-Brücke – wie etwa in Manderscheid in der Eifel, sondern eine solide, praktische Konstruktion. Es ist heiß. Aber ich komme ganz gut voran.

Zweite Pause an Bank und Tisch unter einem Baum. Ich esse mein zweites Brötchen und eine Banane. Wasser habe ich viel aus den Brunnen am Weg getrunken.
Noch ein Stück über eine Pferdeweide – ich habe aber kein Pferd gesehen – um eine Ecke und ich sehe eine Tränke in der Cola, Bier und Eistee in Dosen im Wasser kühlen. Dazu zwei Mülleimern und eine Kasse. Was für eine tolle Idee! Ich trinke zwei Dosen.

Dann geht es auf einer Schotterstraße in der Sonne gnadenlos bergab. Meine Stimmung ist etwas mürrisch, weil ich weiß, dass der Höhepunkt des Tages nach diesem Abstieg beginnt. Der Aufstieg. Knapp 400 m hoch zum höchsten Punkt des Tages. Das ist kein Berg oder kein Pass, sondern die höchste Stelle liegt irgendwo am Hang. Und dann wird es nochmal 250 m runter gehen. Der Beginn des Aufstiegs ist sehr steil, aber der Weg läuft im Wald und der Schatten tut gut, obwohl ich das Gefühl habe, das etwas mit mir nicht stimmt. Aber ich komme noch voran. Dunkle Wolken ziehen auf, ich könnte es noch schaffen vor dem Gewitter in Tanas zu sein. Ich steige durch lichten Lärchenwald ab.
Dann ein Donner. Ich setzte mich an einer uralte Lärche und schaffe es noch mein Handy einzupacken. Dann muss ich mich übergeben. Ich bin irritiert. Plötzlich geht es mir elend.
Nach einer Weile schaffe ich es, mich regensicher zu organisieren. Ich schleiche mehr, als dass ich weiter gehe. Es sind nur noch zweieinhalb Kilometer, aber jetzt tut jeder Meter weh, den es wieder hoch geht.
Die Wirtin setzt mich sofort auf die Bank und bringt mir ein Glas Wasser. Ich sähe kreidebleich aus. Sie lässt mich nicht den Rucksack tragen, sondern sie nimmt ihn auf die Schulter hoch zum Zimmer.
Es wird eine unterhaltsame Nacht. Mein Körper beschließt alles, was in ihm ist loszuwerden. Die Wirtin ist so besorgt, dass sie bevor sie ins Bett geht, mir die Notfallrufnummer 112 und ihre Handynummer aufschreibt und wie der Ort, an dem ich bin, offiziell heißt, damit mich ein Krankenwagen findet.
Am nächsten Morgen fällt es mir schwer die Treppe runter zu kommen. Alle wollen, dass ich zum Arzt gehe. Das ist allerdings an so einem entlegenen Ort auf fast 1.700 m Höhe nicht ganz einfach. Eine Vogelbeobachterin aus Bayern reist ab und sagt, dass Sie sowieso über Schlanders fährt und bringt mich dort zur Erste Hilfe Station.
Dort bleibe ich bis zum frühen Nachmittag, werde mit Infusionen aufgepäppelt und schlafe viel. Die Blutwerte sind in Ordnung. Am Nachmittag mache ich mich dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg nach Stilfs Dorf, zum Stilfser Hof, den ich gebucht hatte.
Die Nacht schlafe ich gut, esse morgens trotzdem noch nichts – was für eine Schande, das Frühstücksbuffet ist grandios, sogar mit Birchermüsli – und verschlafe auch diesen Tag. Jetzt am Nachmittag geht es mir aber schon wieder so gut, dass es mir Spaß macht zu schreiben.
Das Wetter ist seit gestern umgekippt. Heute Morgen hat es schon gewittert und geregnet und jetzt ab zwei Uhr wieder. Es wäre kein Vergnügen geworden, im Aufstieg zum Stilfser Joch unterwegs zu sein.
Gestern bin ich mit dem Bus an dem Marmorwerk in Laas vorbeigefahren. Der blendend weiße Marmor war mir schon beim Blick vom Berg ins Tal aufgefallen. Die Berge des Vinschgaus sind zumeist aus Gneis, aber zwischen den Gneisen gibt es Kalkband das aus dem Meer zwischen die anderen Decken geschoben wurde und gemeinsam mit ihnen in mehren Kilometern Tiefe, Druck und Hitze umgewandelt wurde (Metamorphose). Die anderen Decken wurde Gneise und dieses Kalkband Marmor. Der Laaser Marmor ist sehr rein weiß oder hat leichte blaue Bänder in der Fläche. Für Technikinteressierte: Der Abbau ist komplex, weil die Minen hoch am Berg sind. Mit einem Seilkran, einer meterspurigen Marmorbahn und einem Schrägaufzug wird der Marmor ins Tal gebracht.

