Ortler, Stilfser Joch – Rif Monte Scale

Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 5.08, 16.07.26

18.6 km, 444 hm hoch, 1.273 hm runter, 4:33 h

Zwei Nächte im Stilfser Hof – aber viel habe ich nicht mitbekommen. Ich habe die meiste Zeit geschlafen. Gestern Abend habe ich zum ersten Mal wieder gegessen. Frühstück, dann Warten auf den Bus. Der Bus kommt etwas früher, der Busfahrer steigt wohlgelaunt aus, schließt den Bus ab und geht in die Bar, lacht: „Ein Schnaps, ein Bier, dann geht’s weiter.“

Die Fahrt zum Stilfser Joch ist schon an sich lohnenswert – aber ich empfehle den Bus! Achtundvierzig Kehren, achtundvierzig! Häufig ist die Straße kaum breiter als einspurig. Obwohl das ein kürzerer Bus ist, jongliert der Fahrer den Bus sehr langsam und mit Gefühl durch die Kehren – Gegenverkehr ist dann natürlich nicht möglich. PKWs passen durchaus vorbei, wenn sie weit genug vor einer Kehre ausweichen. Man sieht immer drei bis vier Kehren unter sich und genauso viele über sich. Dass man in so einen steilen Hang überhaupt eine Straße bauen konnte.

Die Ärztin hatte mir Tabletten gegen Übelkeit verschrieben, die Apotheken waren aber über Mittag geschlossen. So atme ich konzentriert aus und ein. Die Fahrt dauert fast eine Stunde vom Dorf zum Joch.

Zwischendurch erhasche ich einen Blick auf den Ortler, der sieht von unten gigantisch aus.

Oben brauche ich einen Moment zum Durchatmen. Es ist kalt. Endlich nach dieser elenden Hitze, die mich an meine Grenzen gebracht hat, ist es kalt und die Luft klar, berg-klar. Und der Blick ist nach allen Seiten grandios.

Ich gehe noch in der Kapelle vorbei, um Hallo zu sagen und mache mich dann auf den Weg. Einen wunderbar restaurierten Kriegsweg hinunter zum Pass Umbrail. Hier haben die Archäologen nicht den Jetzt-Zustand konserviert, wie an der Römerstraße Via Claudia Augusta im Vinschgau, WN 5.01. Dort stolpert man zwar über originale, 2.000 Jahr alte Steine. Aber einsichtig wird einem, weder dass es sich um einen Straße handelt, noch welche Kunst und Technik die Römer aufgebracht haben, um den Berg für Händler, Boten und Militär befahrbar zu machen.

Hier wurde die Kriegsstraße so wieder aufgebaut, wie die italienischen Soldaten sie klug gebaut haben. Und als erstes fällt mir auf, mit wie viel Energie sie die Entwässerung eingerichtet haben, damit nicht Regen, Schnee und Geröll die Straße zerstören. Das ist doch der Sinn solch einer Erhaltung, dass man nachvollziehen kann, welche Leistung die Altvorderen vollbracht haben.

Zum Umbrail Pass geht es bergab und es fällt mir leicht. Ich komme zum Schweizer Zollamt, dass so aussieht wie man sich ein Schweizer-Bilderbuch-Zollamt vorstellt.

Dann geht es langsam bergauf. Und schnell merke ich, dass ich heute vielleicht mit vierzig Prozent meiner Ressourcen rechnen darf. Ich schleiche. Schleiche mich über die Steine den Hang hoch.

Mountainbiker überholen mich auf ihren E-Mobilen. Es ist ärgerlich auf den Letzten so einer Gruppe zu warten, damit ich mich endlich wieder auf den Weg konzentrieren kann. Aber  als letzter der Gruppe quält sich ein echter Radfahrer den Berg hoch. Ich laut: „Ein echter Radfahrer!“ Er, ein Italiener, hat mich verstanden, dreht sich um, lacht und zeigt „Daumen hoch“. Wer sich am Berg anstrengt, hat meinen Respekt.

An der letzten Steigung zur Bocchetta di Forcola holt er die anderen E-Mobilisten ein, die sich da ziemlich abquälen, ihre schweren Räder den steilen Schotter hoch zu schieben. Dort merke ich deutlich meine fehlende Fitness.

Dann der lange Abstieg. Schon oben am Stilfser Joch wurde auf die bunte Geologie dieser Gegend um den Ortler verwiesen. Und das Schöne ist, man erkennt es, wenn man hinschaut und weiß, wonach man suchen muss.

Grün bewachsen sind kristalline Schichten, darüber Dolomit und darüber wieder kristallines Gestein das älter ist als der Dolomit darunter.

„Decken“  werden Gesteinsschichten genannt, die von ihren Urspungsgesteinsschichten in mehreren Kilometer Tiefe getrennt und dann verschoben wurden. Heute befinden sich diese Decken über oder unter anderen Decken mit denen sie nicht gemeinsam entstanden sind.

Hier im Ortler Gebiet wurden Decken übereinander geschoben, so dass jetzt kristalline Decken, vorwiegend Gneise, die 400 Mio Jahre alt sind über Dolomit-Decken liegen, die vor 200 Mio Jahren im Meer entstanden sind. Dann sind sie, als sich die Adriatische Platte, eine Sub-Platte der Afrikanischen, das nächste Mal von Süden gegen die Eurasische Platte bewegte, aus der Tiefe nach oben geschoben und zu der Ortler Gruppe auf über 3.000 Meter Höhe über dem Meer gehoben worden. Ich finde das beeindruckend da mitten drin zu stehen.

Dort wo diese Decken gegeneinander verschoben sind, sind sie gefaltet. Und diese Gewalt erkennt man auch an einzelnen Steinen. Dieser Dolomitbrocken ist bei den Verschiebungen zersplittert. Da er aber noch in großer Tiefe von Gestein umgeben ist, kann er nicht zerfallen. Die Risse werden mit Quarz aufgefüllt. Weil die gefalteten und geborstenen Abschnitte aber instabiler sind, als der Dolomit ringsum, liegt dieser Stein jetzt vor meinen Füßen. – Auf dem Weg, weiter zu zerfallen und in der Etsch und im Po zermahlen zu werden, bis er in der Adria als Sand, als Sediment abgelagert wird. – In der Erwartung, dass seine nächste Karriere als Sandstein beginnt.

Ein Lehrer unterrichtet seine Klasse oberhalb der Alm Forcola. Einen besseren Unterrichtsort kann es nicht geben, als draußen in den Bergen. – Ich frage mich allerdings, wie er die Kinder wieder nach Hause bekommt. Ich muss noch über 7 km laufen. – Später kommen mir weiter unten, wo der Almweg zur Fahrstraße wird Elternautos entgegen.

Noch ein wunderbar zusammengefalteter Berg, der Cime de Plator. An seinem Fuß liegt das Refugio, in dem es die berühmten Spinat-Buchweizen-Nudeln dieser Gegend gibt, die ich aber nicht schaffe aufzuessen.

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