Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 6.10
Keinen Kilometer, keinen Höhenmeter …
Outdooractiv rollt gerade neues Kartenmaterial aus. Nachdem ich gestern die Tour, Valpelline-Aosta, geplant hatte, knapp 14 km, 100 hm rauf, über 400 hm runter in knapp vier Stunden, kam heute morgen das Update auch für diese Route. Ich kam beim Frühstück aus dem Staunen nicht heraus. Was T1 und T2 sein sollte – also gemütliches Wandern, war mit einem Mal T4 geworden – schweres alpines Bergsteigen. Ich schaue mir die Karte genauer an. Auf dem ersten Kilometer des Trails, nachdem er von der Staatsstraße an den Berg abbiegt, sind neun T4-Stellen eingetragen. Das kann ich mir nicht vorstellen. Nun muss ich entscheiden, ob ich loswandere, eineinhalb Kilometer aus dem Dorf hinaus die Straße hinunter, um mir anzuschauen, was da los ist. Und falls das nicht möglich ist, dort zu wandern, wieder zurück ins Dorf zur Bushaltestelle. Aber der Bus fährt heute nur noch dreimal, das nächste Mal um 9:30 Uhr. Runter und wieder rauf, das schaffe ich nicht bis 9:30 Uhr. Also entscheide ich, sofort mit dem Bus nach Aosta zu fahren.
Als wir an der Stelle vorbeifahren, staune ich. Die ganze Wand ist teilweise in mehreren Reihen mit drei, vier Meter hohen, stählernen Steinschlagnetzen neu gegen Bergstürze, Muren und Steinschlag gesichert. Der Weg, dessen Beginn man noch gut erkennt, endet nach wenigen Metern vor so einem Stahlnetz. Das ist nicht T4 – an diesem Netz kommt man rechts und links nicht vorbei und man kann es auch nicht überklettern. Der Weg ist an dieser Stelle nicht mehr begehbar, wohl einen Kilometer lang – neun T4 Stellen.
Da hätte outdooractiv.com schreiben müssen: „Weg gesperrt!“
Damit verstehe ich aber immerhin, was es bedeutet, wenn nun bei vier meiner geplanten nächsten Routen ein T4 prangt. Es kann sein, dass der Weg so nicht mehr begehbar ist, wie er geplant wurde.
Während mir das durch den Kopf geht, sitze ich in einem kleinen Bus mit Klimaanlage als einziger Fahrgast. Um 10:00 Uhr bin ich am Busbahnhof in Aosta. Das Bild zeigt das römische Prätoriumstor – gut erhalten.

Es ist Sonntag und in Aosta gibt es eine Waldenser Kirche. Ich schlendere an der alten römischen Stadtmauer entlang, durch die quirlig belebte Fußgängerzone. Ich finde die Kirche und die Türen sind geschlossen.

Dann lese ich den Aushang, der Gottesdienst beginnt um 10:30 Uhr. Also einen Kaffee und ein Karamell Brioche in der Bar gegenüber.
Jetzt sind die Türen weit geöffnet und als ich den Rucksack abgestellt habe, werde ich begrüßt und bekomme einen Gottesdienstablauf in die Hand. Dann kommt die Pfarrerin, kurze silbergraue Haare und zwischen rot und pink changierende Brille, begrüßt mich mit Handschlag, fragt, wo ich herkomme und entschuldigt sich, dass sie die Predigtzusammenfassung auf dem Gottesdienstblatt nur auf Englisch und nicht auf Deutsch hat. Sie bringt mir eine deutsche Bibel – bei den reformierten Waldensern liest die Gemeinde die Bibeltexte mit. – Ich bin beeindruckt. Natürlich ist die Kirche klein, etwas vierzig Sitzplätze, man sieht also, wer da ist, selbst, wenn die Kirche voll ist wie jetzt. Das Gefühl entsteht, dass man herzlich willkommen ist und als Gast, als Fremder zur Gemeinde dazugehören darf.
Mich erstaunt es selbst, dass ich die Lieder auf Italienisch mitsingen kann. Ich verstehe zwar häufig nicht, wie die Wortsilben auf die Noten aufgeteilt werden, aber es sind europäische Melodien. Eine gute – und temperamentvoll vorgetragene Predigt über die Berufung Mose, Exodus 3. Sie legt den Schwerpunkt auf die Frage, warum Mose sich nicht für geeignet hält, in die Auseinandersetzung mit dem Pharao einzusteigen, um die Israeliten aus der Sklaverei zu holen. Und ob wir uns zutrauen würden, an der Befreiung Gottes mitzuwirken. Gut gemacht, nicht depressiv, selbstzweifelnd, sondern fröhlich ermutigend und herausfordernd. Die Kollekte sammelt eine Mutter mit ihrem gehandicapten Kind im Rollstuhl ein. Nach den Abkündigungen werden die Gäste gebeten, zu sagen, wo sie herkommen. Zwei niederländische Familien und Deutsche. Zum Segen hebt die Pfarrerin die Arme – das war lange bei Reformierten verpönt. Wie gut, dass sich das geändert hat. An der Tür ein herzlicher Abschied und „Bon camino!“ Ich bin beeindruckt und berührt.
Ich will das nicht überhöhen, aber: Gestern Sonntagsspaziergang nach Aosta geplant; heute Morgen Update und Entscheidung mit dem Bus zu fahren – deshalb bin ich im Gottesdienst gelandet. Das hat schon was!
