Warum Wien – Nizza?

Einen langen, langen Wanderweg wollte ich schon lange gehen.

Zuerst war ich auf den Pacific Crest Trail in den USA gestoßen. Ungefähr 4265 Kilometer lang an der Westküste entlang der Gebirgskämme. Herausfordernd fand ich, dass man sich sputen muss, um in einer Saison von der Grenze zu Mexiko zur Grenze nach Kanada zu kommen. Die Berichte von Christine Türmer und Andreas Kramer haben einerseits Lust auf den Weg gemacht. Aber gleichzeitig entstand bei mir die Frage, warum ich mich auf einem Weg hetzen soll, um vor Wintereinbruch anzukommen. Warum nicht unterwegs einfach die Gegenden und die Momente intensiv genießen, die ich sehen und erleben möchte. Und: Heute bin ich froh, den Weg in den USA nicht weiter überlegt zu haben. Ich möchte nicht in Trumps Amerika unterwegs sein.

In Europa gibt es auch Weitwanderwege – eine Menge sogar. Aber die angelsächsische Tradition genau einem Weg präzise zu folgen oder eine Liste genau definierter Berge zu besteigen und abzuhaken, wie die „Munros“ in Großbritannien, das ist mir fremd . Mir leuchtet es mehr ein, im Blick auf den Weg weniger fokussiert zu sein, mehr zu schlendern und zu flanieren. Europa ist vielgestaltig, unterschiedlich und bunt. Wenn ich überlege, vier Monate auf einem Weg unterwegs zu sein, dann möchte ich diese europäische Vielfalt erleben – und nicht nur schnurstracks an einem Ziel ankommen.

Die Alpen liegen in der Mitte Europas, sie verbinden die europäischen Kulturen und trennen sie. Es gibt keinen besseren Ort um die Vielfalt Europas zu erleben als durch die Alpen zu flanieren. Von Ost nach West, von Wien nach Nizza.

Bild: Jacques Descloitres, MODIS Rapid Response Team, NASA/GSFC – http://visibleearth.nasa.gov/view_rec.php?id=4465, gemeinfrei

Wien – Nizza ist kein Weg, nicht einer, sondern viele. Letztlich gibt es unendlich viele Möglichkeiten zu Fuß durch die Alpen von Ost nach West zu gehen.

Und trotzdem geht es auch darum in einem Sommer von Wien ans Mittelmeer zu kommen.

Es sieht so aus, dass in den letzten Jahren bestimmte Wegentscheidungen populärer geworden sind. Der Führer von Martin Marktl wählt einen Weg von Wien südwestlich nach Slowenien und dann nordwestlich zum Karnischen Kamm an der Grenze zwischen Österreich und Italien. Das macht Sinn, wenn man im Frühsommer nicht den österreichischen Nordalpenweg nach Westen in die Tauern gehen kann, weil noch zu viel Schnee liegt. Auch öffnen die Hütten erst relativ spät. Es spricht einiges für den Slowenienausflug. Viele Berichte im Internet folgen dieser Wegentscheidung.

Slownien ist eine Reise wert. Aber …

Diese Bücher finde ich lesenswert:

Christine Türmer: Laufen. Essen. Schlafen. Malik, München 2018

Andreas Kramer: Pacific Crest Trail: 4.277 km zu Fuß von Mexiko nach Kanada. Conrad Stein Verlag, Welver 2002

Martin Marktl: Alpenüberquerung. Wien – Lago Maggiore. Rother, München 2017

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