WN 1.10 – Sonnschienhütte – Eisenerz

21 km, 460 hm rauf, 1.165 hm runter, 6:28 h

Am Abend hatte ich mit den beiden Wiener Architektinnen verabredet, dass sie meine vergessene Jacke von der Voisthaler Hütte mit nach Wien nehmen. Dort wird sie dann der Sohn meines Freundes abholen: Ich bin gerettet, beziehungsweise meine Hardshell für mich.

Ich beschließe, heute den Weg gemütlich angehen zu lassen. Der Weg ist schön: Gestern war ich schon durch zwei Karstgebiete abgestiegen – es scheint so, als ob sich dieses Karstgebiet fortsetzt. Mich würde sehr interessieren wie dieser Abschnitt zwischen Hochschwab und dem Ende des Tals bei Eisenerz geologisch eingeordnet wird.

Das Karstgebiet besteht aus einer Kette von Kesseln, die in einer ziemlich geraden Linie liegen. Jeder Kessel ist rechts und links von den Gebirgsketten abgeschlossen und beginnt immer mit einem Wall und schließt mit einem Wall ab, der diesen von dem nächsten Kessel abtrennt. Eigentlich will man absteigen, aber man muss erst noch einmal vierzig bis achtzig Meter hochsteigen, bevor man dann sofort sieht: es geht die gewonnenen Höhenmeter sofort wieder runter. Die Sonnschienhütte liegt auf 1.523 m und das Fobistörl, dass dieses Gebiet abschließt auf 1.554 m – also keinen einzigen Meter an Höhe verloren.

Aber in diesen Kesseln ist es schön. War gestern noch der erste Kessel gespenstig trocken und heiß und es wuchs außer Latschen und gelben Gras wenig, sind die Kessel heute fruchtbarer und werden als Alm genutzt. Aber die Dolinen bleiben eine Gefahr. Damit das Vieh dort nicht abstürzt, sind viele mit Ästen von Latschen oder sogar mit Baumstämmen abgedeckt worden. Ich hoffe, in der Galerie kann man das erkennen. Später als so ein nun viel weiterer Kessel nicht als Weide genutzt wird, bleiben diese Dolinen offen. Es sieht schon unheimlich aus, dass es alle paar Meter in den Untergrund geht.

Mich erinnern diese Löcher, die in die Höhlen unter der Wiese führen an einen zehn Jahre alte Jungen und zwanzig Jahre alte Frau, die in so ein Loch gestürzt sind und erst zwei Millionen Jahre später gefunden wurden. Zwei Australopitheci sediba, Hominen, Menschenähnliche, die in dem Höhlensystem von Malapa in der Nähe von Johannesburg gefunden wurden. In der Süddeutschen Zeitung berichtete Hubert Filser am 09.04.2010 darüber. Ich möchte nicht in Jahrhunderten versteinert gefunden werden und machen einen großen Bogen um die Löcher.

Diese Wälle zwischen den Kesseln sind merkwürdig. Auf den Kesselwällen liegen häufig Steine, denen man ansieht, dass sie unter hohem Druck gesprungen und die Risse mit Quarz aufgefüllt worden sind. Meine Idee: Irgendwann bei der Gebirgsentstehung ist dieses Gebiet zusammengeschoben worden. Das Gestein kann unter dem seitlichen Druck nur nach oben ausweichen, dabei zerbricht es, die Risse werden durch Flüssigkeit mit Siliziumdioxid, Quarz, gefüllt und wir haben die Wälle zwischen den Kesseln. In einem der Kessel liegt ein anderes Gestein an, dass wasserundurchlässiger ist – ich wate durch viele Bäche und tiefen Schlamm: Es gibt sogar einen See. Der nächste Kessel ist wieder auf Kalkgestein und er ist trocken. Bisher geht es kein bisschen runter, das dicke Ende mit dem steilem Abstieg kommt noch!

Und der Abstieg beginnt am Fobistörl – die Fobisalm ist für Weidewirtschaft aufgelassen. Aber es gibt eine schön überwachsene, durch Muren und Erosion ziemlich zerstörte Schotterstraße von dieser Alm runter Richtung Eisenerz. Es geht erstmal gemütlich bergab. Bald wird es steiler und auf einmal ist links ein Bach zu hören – da kommt das Wasser aus dem Karstgebiet also ans Licht – eine nächste Stufe runter und der Bach ist wieder weg, versickert. Nächste Stufe, kein Bach, nächste ist er dann wieder da. Dann wird es richtig steil, mehr als 20 % und ich brauche die Stöcke, um überhaupt absteigen zu können. Die alte Straße war irgendwann mit Beton ausgebessert worden, jetzt ist alles nur noch glatt. Neben mir ein ziemlich hoher Wasserfall – aber weil es so steil abwärts geht und neben mir die Schlucht über hundert Meter tiefer liegt – kein Foto. In ein Seitental, um Höhe zu verlieren, wieder zurück zu dem Fluss – und er ist wieder weg. Klar, bald ist er wieder da. Vor der Klamm wird der verfallene Weg zu einer gut unterhaltenen Forststraße, die Klamm wird in der Höhe umgangen, so dass von der Klamm tief unten wirklich nichts zu sehen ist. Wieder runter.

Vor dem Leopoldsteinersee beginnt für mich der Aufstieg zu einem Kamm, der mich noch von Eisenerz trennt – hier unten auf etwa 700 m ist es drückend heiß und es geht nochmal über 100 m hoch.

Endlich wir Eisenerz – und das riesige Bergwerk sichtbar.

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