Ottohaus? – Nein, nicht das Otto Hus in Emden.
Der Tag fing gut an. Ich hatte wie ein Stein geschlafen. Da die Handwerker der Wasserwerke Wien früh raus mussten, konnte ich schon weit vor Sieben frühstücken. Das Frühstück war einfach: Eine Pfanne mit Spiegelei und Speck. Ich habe noch nie so geniale Eier mit Speck gegessen: Die vier Eier schwammen im Fett des Specks.
Dann raus. Deutlich unter null Grad, der Schnee gefroren. Ein riesiges Schneefeld hinunter. Ich musste mit den Fersen Stufen in den Schnee schlagen, ausrutschen wäre nicht so gut gewesen. Trotz Kälte und Wind schwitze ich.
Als ich endlich aus dem Schnee raus bin treffe ich bei den ersten Bäumen an einer Hütte einen Einzelwanderer, der unter einem Tarp übernachtet hatte (kein Zelt, sondern nur eine Plane, die an den Stöcken und Heringen fixiert wird; es hat also keinen Eingang und keinen Boden, sondern ist offen). Wir reden eine Weile über Wanderprojekte, Kameras auf Wanderungen und den Vorteil von Alu-Stöcken gegenüber Karbon – sie brechen nicht und sind dann wertlos.
Dann geht es weiter – gefühlt stundenlang – bergab, ich muss ja 1.300 hm runter. Ich freue mich auf die Hütte! Ich muss etwas essen und trinken, ich habe extra kaum Wasser und wenig zu essen mitgenommen.
Aber – die Pointe ist erratbar – die Hütte, das Weichtalhaus ist geschlossen, Ruhetag. Ich laufe um das Haus und sehe einen Menschen. Er weist mich auf einen Automaten hin. Ich schmeiße mein Geld rein, alles Kleingeld, das ich habe – und nichts passiert. Das Geld bleibt im Automaten. Gott sei Dank ist dieser Mensch noch da. Er stellt fest, dass der Automat nicht funktioniert. Irgendwie bekommt er mein Geld da wieder raus und holt mir zwei Flaschen Fritz Rhabarber Schorle – und wir reden.

Er ist nepalesischer Bergführer und arbeitet, wenn die Wandersaison in Nepal im September-Oktober und März-April vorüber ist in Österreich, in dieser Hütte. Er macht das seit sechs Jahren so. Er gibt mir seine Karte.
Auf der Fischerhütte waren das also auch zwei Nepalesen, die ich nicht zuordnen konnte.
Das ist eine krasse Form von Globalisierung: Zweimal im Jahr den Kontinent wechseln, der Arbeit wegen.
So, meine Pause ist um, er fährt mit dem Rad runter nach Reichenau (und nachher wieder bergauf zurück) und ich muss auf die Rax.
Auf der anderen Straßenseite geht der A-Klettersteigl los. Die ersten hundert Höhenmeter sind anstrengendes Aufsteigen über Leitern, aber es geht. Dann werde ich immer langsamer und fange an zu keuchen und brauche vor jeder Leiter eine Pause. Endlich merke ich, dass ich einen Tunnelblick habe und mein Herz bis in die Kopfhaut pocht. Ich bin unterzuckert. Ich habe seit dem Morgen nichts gegessen, es ist längst Nachmittag.
Ich bin wütend über meine Dummheit. – Wie ein Anfänger! Und gefährlich. Das ist ein Klettersteig an einem Grat.
Ich lehne mich an die Leiter, krame die Alutüten mit Kohlehydraten aus dem Rucksack und quetschen zwei in meinem Mund aus, trinke Wasser aus dem Schlauch. Warte.
Nach einer Weile kann ich wieder geradeaus schauen und habe wieder einen klareren Kopf. Ich warte noch eine Weile. Dann gehe ich langsam weiter und es geht wieder. Bald komme ich vom Grat runter in flacheres und weiteres Gelände. Ich brauche noch zwei „Tüten“ und es zieht sich hin, bis ich endlich am frühen Abend das Ottohaus sehe – ohne Ottifanten.
Ich hatte geplant noch eine Hütte weiterzugehen – vollständig illusorische und unangemessene Planung. Die Angaben für die Zeit in Bewegung gestern und an diesem Tag in der alpenvereinaktiv-App sind daneben. Das waren gestern mehr als sieben und heute mehr als sechs Stunden – lächerlich, diese Angaben.

