Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 4.02, 24.06.26
13,7 km, 1.206 hm rauf, 43 hm runter, 4:36 h
Wie kann man nur so blöd sein?
Nach drei Tagen in Innichen springen wir in den Bus Richtung Rotwandseilbahn – es geht weiter!
Christoph besteht wie immer auf einer persönlichen Bedienung am Ticketschalter, ich schließe mich an, weil ich mit dem Automaten nicht zurechtkomme. Die Ticketverkäuferin mustert uns: “Was habt ihr vor?” Christoph: “Über den Alpinisteig zur Zsigmondyhütte!” – “Der ist noch gesperrt! Aber ich schaue nach; ich habe ein paar Tage nicht mehr reingeschaut!” Wir schauen uns an. “Nein, nicht mehr gesperrt. Aber im Auf- und Abstieg zur Elferscharte sind noch Schneefelder. Grödeln oder Leichtsteigeisen und Pickel werden empfohlen. Ich drucke es euch aus. “
Das kann doch nicht wahr sein, Grödeln! Ich habe sie seit Wien im Rucksack getragen, Christoph den ganzen Karnischen Höhenweg. Und wo sind sie jetzt? Seit vorgestern auf dem Postweg nach Deutschland.
Wir setzen uns auf die Stufen vor den Toiletten in den Schatten. Die Elferscharte auf 2.650 m liegt im Schatten, der Auf- und Abstieg werden als sehr steil beschrieben. Das über ein Schneefeld. Auf der Südseite ist der Schnee wahrscheinlich weich, wenn wir an der Stelle sind, aber der Aufstieg auf der Nordseite – ohne Grödeln als Sicherheit? Wenn es dort Seile gibt, liegen sie unter dem Schnee. – Wir schleichen zum Bus zurück.
Mit dem nächsten Bus fahren wir ins Fischleintal und bleiben erstmal auf der Bank an der Haltestelle sitzen.
Dann kommt ein Müllwagen und leert die Restmülltonnen. Da schaut man ja nicht unbedingt begeistert zu. Aber dann fällt uns ins Auge, dass die geleerten Tonnen automatisch mit Wasser ausgespritzt werden. Und als die wieder am Boden abgestellt sind, wird jede einzelne von ihnen von dem Müllwerker mit einer Wasserdruckspritze nachgereinigt. Wahrscheinlich ist die Mülltonne danach so sauber, dass man darin biwackieren kann – Südtirol!

Wir sind beeindruckt und raffen uns auf in der Talschlusshütte einen Espresso trinken zu gehen.
Die Speisekarte zeigt als Titelbild eine beeindruckende Eiskreation. Kann man aber nicht bestellen: “Die warme Küche ist noch nicht geöffnet!“ Warum Eis in die warme Küche gehört, frage ich nicht nach. Ein Espresso muss reichen.
Wir entscheiden: Christoph steigt direkt zur Zsigmondyhütte auf. Ich will noch einmal, nach 2024, die Drei Zinnen sehen und gehe deshalb die 1.100 hm durch das Altersteiner Tal hoch und dann über das Bülleljoch zur Hütte.
Nach der Talschlusshütte geht es ziemlich zügig hinauf. Ich versuche einen Rhythmus zu finden. Es geht nur bergauf, selbst in den Serpentinen gibt es keine Pause. Und es ist heiß, mittlerweile scheint die Sonne genau senkrecht in das Tal. Ich werde flott überholt. Eine Gruppe junger Männer, die nachdem ihre Schultern schon krebsrot sind, sich auch noch das T-Shirt vom Leib reißen. Eine dreiviertel Stunde später treffe ich sie wieder, sie sitzen keuchend am Wegrand.
Eine kleine Gruppe junger Leute mit einem alten Mann sitzt unter einem Baum. Der alte Mann hat einen hochroten Kopf und keucht. Ich überlege, ob ich etwas sagen soll – und lass es lieber bleiben.
Ein Junger mit kleinem Rucksack fliegt mit federnden Schritt an mir vorbei, ihn treffe ich nicht wieder.
Es ist so schwül heiß, dass mir der Schweiß durch das Gesicht fließt. Manche Tropfen landen innen im Brillenglas, obwohl ich mir ständig die Stirn wische. Andere Tropfen gleiten an der Nase entlang und tropfen von dort auf den Boden. Ich stapfe weiter und versuche im Rhythmus zu bleiben und durch die Nase zu atmen – damit ich nicht zu schnell gehe und damit ich nicht so viel Wasser verliere, wenn ich durch den Mund aus- und einatmen.
Vor mir fragt ein Mann mit kleinem Rucksack einen etwas professioneller ausgerüsteten Wanderer, der schon runterkommt, wie weit es noch sei. Ich höre “vier Stunden”, welche Strecke auch immer damit gemeint ist. Das Knirschen der Steine unter den Schritten wird von dem wütenden Ruf der Partnerin unterbrochen: “Du hast gesagt, zwei Stunden! Warum tust du mir das an!“ Ich blicke zurück und sehe wie sie wild schimpfend und aggressiv gestikulierend auf ihren Partner zustürzt.
Ich denke, im 21. Jahrhundert hat in unserer Kultur jeder Mensch die Gelegenheit Lesen und Schreiben zu lernen. Wer sich am Abend vor einer Tour nicht Karte und Wegbeschreibung, die Berechnung der Zeit und Höhenmeter – in einer App – genau anschaut, müsste wegen solcher Dummheit disqualifiziert und aus den Bergen ausgeschlossen werden.
Wer mit seinem Partner, Partnerin nicht vor der Tour, klar und ehrlich bespricht, was zu erwarten ist – der ist kein Partner. Nicht für die Berge – und wahrscheinlich auch nicht für das Leben – und sollte schleunigst erabschiedet werden. Manche müssen wahrscheinlich in die Berge, um genau das zu entdecken.
Ich versuche meinen Rhythmus zu halten und Schritt vor Schritt zu setzen, wenn der Fuß in dem feinen Geröll zurückrutscht, wenn als Felsstufen der Abstand so hoch ist, dass ich mich hochwuchten muss.

Irgendwann sehe ich, dass auf dem Riegel, der das Tal abschließt, eine Bank steht. Die Bank motiviert mich durchzuhalten und weiterzugehen. Der Blick von der Bank ist tatsächlich beeindruckend und es weht ein Wind hier oben.

Dann die Drei-Zinnen-Hütte. Es ist eine eigene Welt, die am ehesten an die Königsallee/Shadowstr. in Düsseldorf am ersten Adventssamstag erinnert. Eine lange Schlange steht vor dem Hütteneingang im Nieselregen, um etwas zu essen und trinken einkaufen zu dürfen. Einige packen ihre Regenschirme aus und stehen weiter diszipliniert an. Es ist ein Völkergemisch wie man es sonst allenfalls am Flughafen trifft – und alle huldigen den Drei Zinnen. Ich sichere Handy, Kamera und Rucksack gegen den Regen und mache, dass ich wegkomme.

Zum Bülleljoch geht es noch Mal hinauf und ich werde immer langsamer. 2.500 m sind für mich als Flachländer schon hoch und die Luft dünn. Auf der Bülleljochhütte trinke ich zweimal einen halben Liter Süßbrause und steige entspannt über einen komfortabel ausgebauten alten Kriegssteig zur Zsigmondyhütte ab. Christoph sitzt schon unter dem Zwölfer gemütlich bei einem Minz-Zitronen Cocktail.



Klasse, aus deiner Beschreibung höre ich förmlich die Frau schimpfen und sehe die hochroten Köpfe vorbeieilen. Es ist als wäre ich dabei, nur weniger anstrengend.
Im Winter 24/25 waren wir an den Zinnen sozusagen alleine.