Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 6.09, 08.08.26
21 km, 480 hm rauf, 2.104 hm runter, 6:41 / 7:03
Zum Abendessen gab es Pasta mit Rot und als zweiten Gang Polenta mit Käse – das sättigt, aber mir fehlt da etwas: Gemüse, Vitamine. Immerhin sind die Gespräche am Tisch interessant. Ich sitze mit einer irischen Familie mit zwei Kindern und einem italienischen IT-ler zusammen. Der wird morgen als Erster aufbrechen und mit riesen Schritten davoneilen. Die Frau aus der irischen Familie trainiert für TOR X, den 150 km Traillauf in 44 Stunden. Es geht noch mehr, man kann auch 300 oder 450 Kilometer laufen.

Die Nacht durchlaufen und einen Schnitt über 5 km / h schaffen, damit man wenigstens ein paar Stunden schlafen kann? Ich finde das ziemlich extrem. Aber Zuhause werde ich mir Mal anschauen, was dieses TOR X ist.
Hervorragend ist auf jeden Fall, dass deshalb die Strecken, auf denen gelaufen wird, sehr gut unterhalten und noch besser markiert sind – Läufer brauchen mehr Markierungen und erst recht nachts. Und die Wege sind breiter als normale Trails, weil Läufer etwas mehr Platz brauchen, besonders in den Bergen. Die Trailläufer, die mir begegnen sehe ich jetzt mit anderen Augen: Trainieren die alle für diesen Wettkampf?

An einem ruhigen Morgen breche ich auf und steige gemächlichen Schrittes zum Col de Chaleby auf, 2.653 m. Ich war der Meinung, das wäre es gewesen mit Aufstieg für den Tag und bin etwas überrascht, als ich sehe, dass der Weg noch weiter hoch geht, zum Col de Vessonaz, 2.794 m. Aber von da ab geht es bergab, erst steil und rutschig, dann in immer weiteren Serpentinen. Mir kommen einige Wanderer und Läufer entgegen.

Auf der Alm liegen in einem riesigen Wirrwarr entwurzelte Lärchen über- und untereinander. Dann folgen abgebrochene Lärchen und als nächstes Lärchen, die in einer Mure stehen. Wie sieht das hier wohl im Winter aus, wenn die Lawinen die Hänge runter donnern. Und im Frühjahr, wenn bei Hochwasser die Lärchen weggeschwemmt werden und Muren den Fluss aufstauen.
Dann geht es weiter runter und weiter. Mir qualmen die Socken. Den Abzweig nach Oyace verpasse ich, als ich einen Bach überquere, dessen Brücke weggespült ist. Zurück und wieder aufsteigen will ich auf keinen Fall. Weiter runter. In dem Weiler Verosse finde ich Wasser. Der Bus der mich ins Tal nach Valpelline bringen könnte, fährt erst in eineinhalb Stunden. Solange will ich nicht in der Hitze warten. Die alte Straße ins Tal hinunter, dann etwas auf Asphalt weiter, bis ich eine Weide zu einem Feldweg hin überquere und etwas hinauf zu einem Weg am Talhang komme. Im Schatten des Waldes ist es nicht ganz so heiß.
In Valpelline sitze ich in der Bar und trinke ein Weizen, das mir sehr rasch in den Kopf steigt, als endlich auch der Bus ankommt. Freundlicher Weise hat mir die junge Bedienung Chips und eine Schale Erdnüsse zum Bier gestellt.
Zum Abendessen gibt es Crispelle (gefüllte dünne Pfannkuchen) und dann Schweinegulasch mit Kartoffeln – aber wieder nichts Grünes.
Aber noch mehr beschäftigt mich die Frage, wohin ich weiter gehen soll. Ich musste ja runter ins Tal, weil ich in Oyace keine Unterkunft bekommen habe – und dann auch keine auf der nächsten Hütte. Ich müsste also zwei Tage überspringen und mit Bus oder Taxi ins nächste Tal nach Saint Rhémy fahren, um von dort zur nächsten Hütte aufsteigen. Dann würde ich von der Hütte zu einem Pass aufzusteigen, um dann nach Courmayeur noch einmal über 2.000 m abzusteigen. Was soll ich in Courmayeur? – Das Treffen mit meiner Frau haben wir abgesagt, weil sie mehr als vierzehn Stunden dahin gebraucht hätte. Also was soll ich in Courmayeur, den Mont Blanc habe ich gestern und heute schon gesehen.
Ich überlege mir, morgen einen gemütlichen Sonntagsspaziergang nach Aosta zu machen, 14 km, 400 m runter, aber lange Zeit im Wald entlang. Ich sage die Hütte ab und buche ein Hotel in der Nähe von Aosta – dort wo der Aufstieg nach Frankreich beginnen kann.
