Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 5.18, 26.07.26
35.2 km, 1.202 hm rauf, 2.469 hm runter, 9:48 / 11:18 h
Das war bisher die härteste Tour, in jeder Hinsicht, physisch, mental – und was einen sonst noch so ausmacht.
Morgens bin ich früh los gekommen und sofort auf die alte Splügenpassstraße und sehe, dass nach dem vielen Regen in der Nacht nicht nur alles nass ist, sondern auch das Gras auf der, in den ersten Kilometern ausgesetzten alten Straße, nicht gemäht ist. – Angesichts dessen, was noch im Laufe des Tages kommen sollte, ein wirklich lächerlicher Einwand.
Aber jetzt meine ich, ich sei sicherer auf der Straße die 600 hm abwärts nach Isola unterwegs. Auch ein Irrtum, denn auf der Straße wartet eine 600 m lange, dunkle Gallerie und drei kürzere Tunnel. Weil der Weg über die Straße länger ist, mache ich Tempo. Und die erste Zeit kommt kein Auto. Aber der Weg ist wegen der Serpentinen 10 km lang, mehr als doppelt so lang als die alte Splügenstraße und ich brauche dafür Zeit. In der langen Gallerie rauschen eine Menge Autos an mir vorbei und häufig wird es wegen des Gegenverkehrs eng. Nach der Gallerie brauche ich mental eine Pause und entdecke von dem Rastplatz aus einen frisch gemähten Weg leicht abwärts. Ich folge ihm gut einem Kilometer lang, zwischen durch bei der Querung eines Baches eine Seilversicherung – es sieht schon sehr nach einem offiziellem Weg aus und ist ab und zu mit einem blauem Punkt markiert. Aber er endet an einem Stolleneingang.
Wahrscheinlich ein Weg für die Techniker des Wasserkraftwerkes unten im Tal, damit sie Rohrleitungen und Regler kontrollieren können. Ich bin deprimiert. Wieder zurück zur Straße, Zeit und Kraft verschwendet.
Als ich wieder an dem Rastplatz an der Straße bin und eine Weile den Finger rausgehalten habe, falls mich doch jemand mit ins Tal nehmen will, kommt der Triest – Monaco Weitwanderer aus der Gallerie. Martin, wie ich jetzt weiß. Wir haben uns schon gestern voneinander verabschiedet und treffen uns also wieder.
Gemeinsam laufen wir die Straße runter, durch die Tunnel und über den Asphalt. Den Asphalt merke ich an meiner rechten Ferse, da entwickelt sich eine Blase – aber auf der Straße bei dem zunehmenden Verkehr ist jetzt keine Zeit dafür. Und meine Stirnlampe hat keinen Strom mehr für das rote Blinklicht in den Tunnel.
Martin und ich gehen unterschiedliches Tempo und jeder macht seine Pause zu seiner Zeit. Ich sitze auf der Bank vor der Kirche in Isola, esse meinen Käse und altes Brot bis mir einfällt, dass Sonntag ist. Ich schaue auf die Uhr, kurz vor Zehn und packe hektisch meine Plastiktüten und Packsäcke wieder in den Rucksack. Kein Fitzelchen Papier bleibt zurück, die Krümel entsorge ich im nächsten Gully.
Aufwärts geht es erstmal auf einem schattigen Talweg. Bald wird es steiler, aber es ist ein alter Weg, der teilweise noch Treppen hat.

Langsam aber stetig geht es aufwärts. Auf einer Alm aus lauter Ferienhäuschen werden die einzelnen Tropfen zu richtigem Regen. Ich treffe Martin wieder. Wir ziehen die Regensachen an. Regen und Gewitter war für 14:00 Uhr angekündigt. Der Regen kommt zweieinhalb Stunden zu früh.
Ich höre eine Stimme, die eindringlich redet – und fühle mich angesprochen. Dann sehe ich eine Hirtin mit Regenschirm, die versucht eine Kuh zu überzeugen mit zurück zum Stall zu kommen. Ein merkwürdiges Bild, Schirm und Kuh. Es regnet jetzt in Strömen und ich ziehe auch noch die Regenhose an. Die Füße sind durch das Gras ohnehin schon nass.
Die Wolken drücken auf den Berg und Wind treibt den Regen direkt ins Gesicht. Ich versuche nicht darüber nachzudenken, wie der Weg jetzt wohl weitergeht. T3 Stellen im Aufstieg zu und im Abstieg vom Pass sind angekündigt. Ich stapfen durch knöcheltiefe Pfützen auf dem Weg. Die Schuhe und Füße sind ohnehin schon nass. Mir ist kühl, aber noch heizt mich der Aufstieg und ich verzichte auf den Pullover.
Bald ist der Aufstieg in den Hängen geschafft und es öffnet sich eine nebelige Ebene. Zuerst wird der Lago Grande sichtbar – die Hütte, die da sein soll, hat nur Martin gesehen – dann geht es weiter leicht aufwärts zum Lago del Mot. T3 Stellen – wenn es dabei bleibt, dass es Mal über Felsplatten geht, ist alles im grünen Bereich, ich entspanne mich.
Nach sechs Stunden erreiche ich den Passo Baldisco, 2.369 m, er ist kaum wahrzunehmen, aber jetzt öffnet sich ein Hochtal mit vielen Bächen und Sümpfen. Am rechten Rand des Tal stehen Pferde. Es gibt keine Markierung mehr und ich beschließe möglichst schnurgerade durch die nebligen Ebene zu gehen. Sumpf – es ist sowieso alles nass, auch Bäche durchstiefel ich jetzt. Als ich auf der Höhe der Pferde bin, sehe ich, dass sie ihre Fohlen in der Mitte der Herde halten und alle so stehen, dass sie gemeinsam die ganze Ebene überblicken. Der Regen und der Wind werden stärker. Nächstes Ziel an dem ich mich orientiere, ist ein großer Felsblock, der mitten in dem Sumpf liegt. Überall, wo ich hintrete quatschen meine Füße in das Wasser oder drücken Grasbüschel tiefer in den Sumpf. Aber ich komme vorwärts. Wolken haben sich über den Ausgang des Tales gelegt und ich habe keine Ahnung, was nach dieser Hochebene kommt. Die Berge rücken näher und ein Fluss drängt sich von links in den Weg. Wenn es so weiter geht, wird es eng. Jetzt gibt es wieder Markierungen, die auch dringend notwendig sind, denn es geht in ein Blockfeld, links der Fluss und rechts der Berg, leichte Kraxelei über ein paar Platten neben dem Fluss. Dann wird es steiler und der Fluss ist in unendlich vielen Wasserfällen hintereinander gute hundert Meter nach unten gestürzt. Es wäre schön diese Wasserfälle und geborstenen Felsen, in die Luft ragenden Platten in Ruhe zu betrachten, aber es regnet in Strömen und die Felsen glänzen braun-schwarz. Obwohl es kristallines Gestein ist, gibt er nicht mehr zuverlässig Halt, manchmal rutsche ich ab, selbst wenn ich auf Kanten trete. Es dauert, bis ich lerne, dass die weißen Flechten auf den Steinen rutschig sind wie Schmierseife. Und die langen, harten Grasbüschel zwischen den Steinen stoppen den Fuß auch nicht mehr. Es wird mühselig einen Platz für den Fuß zu finden, der sicheren Halt bietet.
Nach der ersten Steilstufe, nur wenige Meter Ebene, sofort sieht man den Fluss wieder zwischen Felsen nach unten fallen. Über die Felsen geht es auf einem nassen, grausigen Pfad in großem Bogen nach unten.
Dann lädt eine fünf, sechs Meter hoher Felsriegel zu einer kleinen Kletterei ein, aber ich steige runter zum Fluss und wate unten durch das Wasser um den Riegel um.
Vor dem nächsten Riegel verschwindet die rote-weiß-rote Markierung. Ich stehe irritiert im Regen unter den Nebelschwaden. Der Weg geht nicht gerade weiter, er wechselt auf die andere Seite des Flusses. Flussquerung. Da ist jetzt mehr Wasser im Fluss, es hat in der Nacht geregnet und jetzt seit Stunden. Die Steine, auf die man treten könnte, liegen jetzt unter Wasser. Zehn Meter weiter stürzt sich der Fluss in die nächsten Wasserfälle.
Ich komme heil über den Fluss. Es geht sofort steil zwischen den Felsen hoch. Ich ahne Übles. Dieser Steil Abschwung wird nicht so einfach zu überwinden sein. Noch weiter hoch, dann liegt der Fluss nach den Wasserfällen gut hundert Meter unter mir – oder: ich stehe noch hundert Meter über der nächsten Ebene. Die Markierungen führen noch immer links hinauf auf einem schmalen Band in den Felsen. Jedes Mal, wenn ich den Felsen anfassen, läuft mir Wasser den Unterarm entlang. Jetzt erkenne ich den Weg zwanzig Meter unter mir, aber wie dahinkommen. Vor mir liegt ein brusthoher Felsriegel, der zur Talseite leicht abfällt. Und eine Markierung sehe ich nicht mehr. Ich drehe mich um, hinter mir ist eine Markierung. Ich gehe langsam auf den Felsriegel zu und schaue rüber. Auf der anderen Seite wieder eine Markierung. Wenn ich mich festhalten könnte, würde ich mich mit dem Oberkörper auf den Fels legen und die Beine rüberschwingen. Aber Heidelbeersträucher sind kein Griff und unter mir donnern die Wasserfälle, der Wind rauscht und der Regen klopft auf die Kapuze. Ich sage mir, dass ich mich jetzt konzentrieren muss, auf das eine, notwendige, die Beine geordnet über den Riegel zu bekommen. Ich suche mit dem rechten Bein auf der anderen Seite Halt und finde tatsächlich Stand. Langsam schiebe ich mich mit dem Rucksack über den Riegel und suche für den anderen Fuß einen Platz – ich zögere, es dauert – endlich habe ich einen Tritt. Jetzt muss ich nur noch meinen Oberkörper aufrichten und den auf dem Rücken schief verrutschten Rucksack aufrichten. Ich atme aus und spüre die Schweißtropfen auf der Stirn, die jetzt gemeinsam mit dem Regen durch das Gesicht rinnen. Noch ein Riegel, aber nicht so hoch. Ich vertraue jetzt meiner Technik. Danach verschwindet der Weg vor mir. Rechts von mir drei, vier Meter durch das Gras runter – unten rauschen die Wasserfälle und der Wind und der Regen. Zwanzig Meter auf einem schmalen Band, das Wasser steht in großen Pfützen. Ich greife mit der rechten Hand in alles Grünzeug was neben mir wächst. Ich sehe einen Bohrhaken und eine Kette vor mir. Es geht links über eine Wand runter. Ich verstauen etwas wackelig stehend die Stöcke am Rucksack – das hätte ich schon längst tun sollen. Die Kette beginnt natürlich nicht an dem Felsen rechts neben mir – schön wäre es, sie würde etwa auf Hüfthöhe beginnen – nein, mit dem Fuß stehe ich über dem Bohrhaken, an dem die Kette eingehängt ist. Ich drehe mich zum Fels und trete in Zeitlupengeschwindigkeit auf ein kleines Bändchen, über das der Regen wie ein Bach fließt. Ich kriege die Kette zwischen die Finger. Auch die zweite Hand an die Kette. Dann wird es allerdings leichter. Ich kann jetzt nach unten schauen und sehe die Bändchen im Fels – alle von Wasser überlaufen – aber sie geben trotzdem Halt. Eine Hand am Fels, eine an der Kette, steige ich nach unten. Geht doch! Es geht noch dreißig Meter runter, aber auf einem Pfad in der Wiese. Eine kleine Ebene und der Fluss rauscht friedlich neben mir. Ich brauche ein Pause, mir wird kalt, ich ziehe den Pullover an und esse etwas und merke, dass ich trotz des Regens durstig bin. Ich schaue Martin zu, der einige Meter nach mir absteigt.
“Grenzwertig” ist sein Urteil über diese Stelle. Wenn es trocken ist oder im Aufstieg ist das ein sehr interessanter Pfad. Aber im strömenden Regen im Abstieg – aber für uns ist es alternativlos, es gibt keinen anderen Weg in das nächste Tal.
Das Ende des Tals ist im Nebel verschwunden. Wir überqueren noch einmal den Fluss, wieder auf die rechte Seite, steigen leicht an und stehen vor einem Abschwung. Nur die ersten dreißig, vierzig Meter sind zu erkennen, den Rest, es müssten noch gut 1.000 Meter sein, verdeckt gnädig der Nebel. Ich sehe, dass dort Gras gemäht ist, gut. Aber das, was das Gras nicht mehr verdeckt einen Weg zu nennen, würde ich “äußerst phantasievoll” nennen. Steil, Felsbrocken ungleichmäßig über den Pfad verteilt, nasser Lehm dazwischen. Später gesellen sich alte Tannen dem Weg an. Manchmal krallen sich ihre Oberschenkel dicken Wurzeln in Hüfthöhe in den Berg. Und die Wurzeln sind nass und so rutschig wie Seife. Einen Moment überlege ich, wie ich da rüberkomme, ohne den Berg hinunter zu rutschen. Langsam wie Schnecken kommen wir nach unten voran und es ist in den Beinen und Knien anstrengend bis zur Schmerzgrenze.
Es kommen einige lange, ausgesetzte Querungen über Steilabbrüchen nach links. Dann geht es steil und rutschig weiter. Als es besonders steil wird, gibt es eine Holzleiter mit Kette, die nach unten führt, alles ist nass.
Als wir die N 13, die Schnellstraße, die weiter unten zur Autobahn wird, hören, denken wir einmal: “Jetzt nur nicht ausrutschen und auf die Autobahn fallen”, aber auch, “Es kann sich nur noch um Stunden handeln”.
Es dauert, aber dann scheint es mir, wird es weniger steil. Der Regen wird schwächer, dann tröpfelt es nur noch. Wir ziehen die Regensachen aus. Weiter runter, nur nicht ausrutschen.
Als ich schon geneigt bin, gar nicht mehr damit zu rechnen, dass dieser Abstieg ein Ende haben könnte, sehe ich unter mir eine Wiese und einen geschotterten Pfad. Halleluja!
Das war der brutalste und grausamste Abstieg über 700 hm, den ich bisher erlebt habe. Wir kommen an der Autobahn raus, folgen ihr und steigen auf Asphalt weiter ab. Für die Schnellstraße / Autobahn sind Brücken und Kehren in und an den Berg gebaut worden – ein Bruchteil des Geldes bitte für den Weg über den Berg!
Wir müssen noch weitere 700 hm runter und neun Kilometer weiter ins Tal. Wir folgen der alten Straße durch den Wald. In Mesocco verabschiedet sich Martin, wir wünschen uns das Beste auf dem Weg nach Monaco und Nizza. Er will hier ein Quartier suchen, denn von hier geht es für ihn morgen weiter. Ich muss ohnehin das Tal runter bis zum Lago Maggiore.
In Mesocco beginnt eine stillgelegte Bahnlinie. Am alten Bahnhof sind jetzt die Postbusse untergebracht – und es gibt eine Postbus Waschanlage – die Fahrerin rechts bedient sie.

An meinem rechten Fuß quält mich die Blase auf dem harten Schotter der alten Bahnstrecke. Und ich kann eigentlich nicht mehr. Aber andererseits ist die Bahnstrecke auch gefällig, in weiten Bögen steigt sie langsam ab, über einige Steinbrücken und durch Tunnel. Ich komme am alten, Modeleisenbahn geeigneten, Bahnhof in Soazza an und muss nur noch die Straße hinauf zum Hotel. Ich muss eigenartig aussehen, die Leute schauen mir nach.
Wer steht an der Rezeption im Hotel, Martin. Die Wirtin hat ihn in Mesocco abgeholt, weil es dort keine Übernachtungsmöglichkeit gibt.
Soazza ist eine schöne Kleinstadt, es wäre erholsam hier länger zu bleiben. Aber jetzt schaffen wir nur noch den Weg zum Essen und ins Bett.


Mann, Mann, Mann, das sind aber auch Etappen die Du Dir da vorgenommen hast… ich werde schon beim Lesen unruhig, obwohl ich weiß, wenn ich das Lesen kann bist Du sicher wieder irgendwo angekommen.