Savoyen: Tignes 2100 – Refuge du Lac Blanc, Vanoise

Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 7.03, 14.08.2016

26.7 km, 1.102 hm rauf, 895 hm runter, 6:32 / 7:37 h

Heute morgen ging es mir schon besser, aber ich fühle mich noch immer ziemlich schlapp. Also lasse ich mir Zeit beim Frühstück. Müsli gibt es nicht, aber Quinoa mit Joghurt, ein Schälchen mit Früchten. Dafür ist das Ei, das ich bestelle, hartgekocht und kalt. Der Käse – ich denke, ich bin in Frankreich! – ist salzig und frei von Geschmack. Aber ich lasse mir Zeit und esse in Ruhe.

Dann muss ich aus Tignes 2100 herausfinden. In dem Häuserblock, in dem auch mein Hotel war, finde ich einen Durchgang auf die andere Seite des Blocks, dann einige dunklen Treppen und ich sehe den See vor mir. Ich teile mir mit vielen Joggern einen extra Fußweg, während die Radfahrer auf ihrem eigenen dahinrauschen.

Die erste Steigung macht wir bewusst, dass ich nicht fit bin und ich versuche langsam zu gehen – und noch langsamer. Trailläufer und Speedhiker mit kleinen Tagesrucksäcken überholen mich.

Gut finde ich, dass der Weg an einer Stelle, an der viele Pfadspuren nebeneinander möglich wären, eingezäunt ist. Ich fühle mich zwar ein bisschen wie die Kühe, die immer den Zaun vor der Nase haben, aber das ist wirklich ein Beitrag zum Naturschutz. Trailrunner, Hiker, Biker müssen sich an den einfachsten Weg halten und nicht eigene Wege eröffnen.

Über mir sehe ich eine geführte Wandergruppe. Die legen ein ordentliches Tempo vor und ich beschließe, mich auf kein Wettrennen einzulassen. Ich halte mich tatsächlich zurück. Vom Col de la Leisse, 2.758 m, geht es zur Refuge de la Leisse hinab. Und ich bestelle tatsächlich vor der Gruppe einen heißen Apfelsaft mit Zimt – das liegt aber daran, dass in einer Gruppe immer jemand stehen bleibt, um ein Taschentuch aus dem Rucksack zu holen oder doch noch schnell einen Riegel zu essen, obwohl die Hütte nur noch Minuten entfernt ist.

Nach dem heißen Apfelsaft, trinke ich noch eine französische Bio Cola mit Karamell. Dann geht es bergab. Das Tal wird noch schöner. Einige der Berge rechts haben noch Gletscher – oder Reste davon – und deshalb rauschen viele Bäche in Wasserfallkaskaden ins Tal hinunter. Faszinierend das Farbenspiel der Schuttfelder. Natürlich sind hier die Felsen und der Schutt daraus grau. Aber jedes Schuttfeld strahlt in einem eigenen Grau, manchmal überzieht das Grau ein leichter Flaum von Grün. Algen, Bakterien und erste Pflanzen nehmen das Schuttfeld in Besitz. Und dann unterteilen Bäche in ihren Rinnen die Schuttfelder in unterschiedliche Felder. Die Rinnen sind nass und deshalb das Grau dunkler.

Im Winter müssen von beiden Seiten Lawinen in das Tal runter donnern. In manchen Abschnitten ist jetzt noch, Mitte August, der Bach von dem Lawinenschnee zugeschüttet und hat sich unten drunter einen Tunnel gegraben mit Ein- und Ausgang, die wie Gletschertore aussehen. Auf dem Schnee liegt schwarzer Schlamm von den neuen Rinnen aus dem Schuttfeld nach unten geworfen haben. Ein eindrückliches Farbenspiel von Grau bis Schwarz mit grünem Flaum.

An der nächsten Hütte, die sehr alternativ aussehende junge Leute bewirtschaften esse ich ein Crêpes und trinke eine fermentierte Ingwer Limonade – eigentlich ist das Ingwerbier, wie ich es Südafrika kenne. Auf der Fensterbank fermentieren zahlreiche Blaubeer- und Preiselbeerlimondenflaschen.

Um nicht wieder den Fehler der letzten beiden Tage zu wiederholen, nehme ich brav die Gels mit Kohlehydraten – und momentan wohl noch wichtiger – mit Elektrolyten zu mir. Ich vermute, dass mir gestern Elektrolyte nach dem vielen Schwitzen in der Hitze fehlten.

Noch einmal zu einer Straße absteigen und dann geht es in den letzten Aufstieg. Ein junger Wanderer überholt mich und entschuldigt sich: Er müsse den Bus noch bekommen. Der fährt tatsächlich in diesem Moment über uns vorbei. Aber hier ist die Endstation. Der Bus wendet und wird dann die gut 20 Wanderer mitnehmen. Was ich in diesem Moment noch nicht erfasse: Der Bus fährt genau die Strecke, die ich jetzt aufsteige, dann ein Plateau überqueren werde, bis er an dem Parkplatz Bellecombe weitere Wanderer aufnimmt – da biege ich zu meiner Hütte ab – und dann nach Termignon knapp 1.000 m runterfährt. Dem Fluß, an dem ich den Nachmittag entlang gewandert bin, kann man nicht folgen, denn er verschwindet in einer Schlucht. Nur dieser Bus erschließt drei Täler, die an diesem Punkt zusammenkommen. Und natürlich, die Füße schaffen das auch.

Ich steige nochmal knapp 400 m an und schaue in den Himmel, es fängt an zu tröpfeln. Rechts von mir Gewitterwolken, hinter mir und links. Ich leiste mir auf dem Plateau wieder ein Rennen mit den Gewitterzellen.

Ich schaffe es gerade in die Hütte, Refuge du Lac Blanc, und keine halbe Stunde regnet es, mit Blitz und Donner in Strömen.

Die Hütte ist schnuckelig. Der Schlafsaal im Untergeschoss. Das Handyladen wird von der Wirtin direkt angeboten, das Duschen auch – aber mir ist kalt, ich friere. Nach dem Regen und einem Temperatursturz ist mir so kalt, dass meine Hände kreideweiß werden. Die Wirtin macht mir einen heißen Tee und feuert den Kamin an. Vielleicht ist es doch noch nicht vorbei und ich habe einen Infekt. Aber Morgen stehen 29 km auf dem Zettel. Ich sollte mir überlegen, wie ich das etwas vorsichtiger angehe.

Zum hervorragenden Abendessen gibt es als Hauptgang im Ofen aufgebackenen Reis mit einer Wurst, der Pormonière. Das ist eine typische, savoyische Wurst mit Gemüse, besonders Mangold. Der Wirt, der selber das Brot bäckt, erklärt mit Begeisterung die Besonderheit dieser Wurst. Wir fachsimpeln dann noch eine Weile über Brotbacken.

Das war einer der schönsten Etappen der Tour bisher.

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