Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 6.05, 04.08.26
13,4 km, 1.654 hm rauf, 568 hm runter, 5:03 / 7:09 h
Ich weiß nicht wie ich darauf kam, dass heute ein Abstieg von 2.000 hm anstünde – jedenfalls wurden es deutlich weniger!

Erst geht es bergauf noch durch zwei schöne Walserweiler. Mir fällt an den Häusern auf, dass trotz der hohen Feuchtigkeit im Sommer wie im Winter um das Haus herum auf den Balkonen immer noch gearbeitet oder Dinge gelagert werden können. Und die Wasserstelle am Haus ist überdacht – da kann man auch bei Frost Wäsche waschen.

Fum d’Boudma heißt dieser Weiler.
Der Weg führt anfangs unter der Seilbahn Alagna – Pianalunga entlang. Aber auch später ist das dumpfe Dröhnen der Seilbahn und das manchmal kratzende, klapperndes Geräusch ein paar hundert Meter entfernt noch zu hören. Zwischendurch geht es durch einen schönen Wald bergauf.
Ein Münsterländer (Hund) springt an mir vorbei, bellt, kehrt um, kommt wieder, springt vor mir eine hohe Stufe im Weg hoch und jagt weiter. Bevor ich mich fragen kann, wem gehört der Hund, kommt ein Speed-Hiker, mittleren Alters, klein, drahtig, braungebrannt, mit mindestens doppeltem Tempo im Vergleich zu mir, läuft dem Hund hinterher und ist verschwunden. Ich bleibe stehen und staune – und gehe dann gemächlichen Schrittes weiter den Berg hinauf.
An dem Rifugio Cita di Montara mache ich Pause – das ist in der Nähe der Mittelstation der Seilbahn. Dort muss umgestiegen werden in die Monte Rosa Seilbahn Pianalunga – Passo de Salati. Tagestouristen, aber auch eine vierer Gruppe mit Hochtourenrucksäcken und Pickel. Für die geht es ab 2.990 m weiter in die Monte Rosa Gruppe.
Auf 2.560 m teilt sich der Weg – und ich wähle den schlechteren, der nicht nur noch schlechter unterhalten ist, als der Weg bisher, sondern auch vollständig unübersichtlich und wenig markiert verläuft. Ich stehe in einem Schuttfeld aus Platten und sehe keinen Weg mehr. Dann muss ich die Stöcke einen Steilabsatz hochwerfen, um beide Hände zum Klettern frei zu haben. Ich bin außer Atem und genervt. Irritiert bin ich, als ich neben mir diesen Stuhl entdecke, auf gut 2.600 m Höhe.

Schließlich komme ich an einem verlassenen zugenagelten Gebäude raus. Das fühlt sich spooky an.

Aber ich habe noch nichts gegessen, also setze ich mich in eine windgeschützte Ecke und verspeise die Hälfte des gestern gekauften Ziegenkäses – sehr lecker!
Als der Tisch aufgehoben und alles wieder verstaut ist, gehe ich um das verlassene und zerfallende Gebäude herum und treffe in den Ruinen des ehemaligen Rifugio Guglielmina auf eine Jugendgruppe. Sie haben hier oben übernachtet, die Zeltplanen sind noch zum Trocknen ausgebreitet – und eine Mandoline sehe ich auch. Schön, dass Jugendliche draußen in den Bergen übernachten.

Richtig Ruhe lässt mir der Blick in den Himmel nicht. Rechts über der Monte Rosa Gruppe dunkle Gewitterwolken, halbrechts regnet es aus den schwarzen Wolken und vor mir auf der anderen Seite des Tales in das ich hinab will, stauen sich die Gewitterwolken an den Berggipfeln.
Vom Monte Rosa Massiv sehe ich nichts.

Über das Col d’Olem, 2883 m , schnell rüber und runter – auf einem „Geologischen Pfad“ – das wäre ja etwas für mich, wenn nur gutes Wetter wäre – und wenn es Erklärungen gäbe, warum alle drei Meter das Gestein ein anderes ist!
Ich steige schnell ab und gerate wieder unter die Seilbahn, die vom Passo de Salati zur Mittelstation Gebiet führt. Ich laufe die Versorgungsschotterstraße der Seilbahnstationen am Passo de Salati runter. Und setze mich an der Alpenhütte Lys, Rifugio Gebiet unter einen Sonnenschirm. Plötzlich ein Windstoß, der die Sonnenschirme – obwohl sie an vier Enden mit Seilen nach unten gebunden sind – fast aus ihrer Verankerung reißt. Ein Blitz und sofort der Donner.
Das verstehe ich wirklich nicht, wieso können Gewitter plötzlich ihre Richtung ändern – eben noch ist das Gewitter auf den Bergen gegenüber über dem Tal talabwärts gezogen und jetzt zieht es hier hinauf?
Alle stürzen los, die Bedienung räumt alles ab, was wegfliegen könnte – auch die schweren Gläser. Dies Gewitter muss ich mir nicht geben – ich folge den anderen in die Mittelstation der Seilbahn. Da stehen und sitzen 60 bis 70 Wanderer und einige Hunde.

Wir müssen aber alle warten, denn die Seilbahn ist wegen des Gewitters gestoppt. Die Mittelstation hat ein Blechdach, das Prasseln des Regens ist lauter als die Gespräche der Wartenden.
Als nach einer dreiviertel Stunde die Seilbahn wieder den Betrieb aufnimmt, dauert es etwas, bis ich einen Platz in einer Kabine bekomme. Ich sitze natürlich mit Blick nach oben und nicht runter ins Tal. So sehe ich den Blitz zwei Kabinen hinter uns. Die Seilbahn stoppt sofort. Die Kabine schaukelt wie eine Schiffsschaukel auf dem Jahrmarkt, die Frau mit gegenüber ruft „Mama Mia!“ Dafür bin ich dankbar, denn mir ist so schnell nichts eingefallen, was ich hätte rufen können.


Michael, ich überlege gerade welche Art von Abenteuer du noch ausgelassen hast, aber mir fällt nichts ein. Eines so nahen Blitzeinschlages hätte es sicher nicht bedurft. Ich hoffe dein Gehör hat nicht gelitten.