WN 2.3 – Hesshütte – Klinkehütte

20,4 km, 1.144 m auf, 1.358 m ab, 6:40

Von der Hesshütte geht es – na was wohl?– wieder runter. Aber der Abstieg ist schön. Beim Kölnwirt mache ich gemäß meiner Zwei-Stunden-Doktrin Pause und esse einen Pistazienkuchen und trinke einen halben Liter Zuckersaft.

Der Aufstieg zur Mödlingerhütte ist steil und wird von einer noch steileren graden Rampe gekrönt. Ich atme durch und setze auf meine Trippel-Strategie: Ich setze wirklich Fuß vor Fuß ohne lange Schritte zu machen und achte darauf nicht außer Atem zu kommen. Wie eine Raupe robbe ich mich die Rampe hoch.

Auf der Hütte treffe ich das polnische Deutsche Paar wieder, die ich gestern schon auf der Hesshütte gesehen hatte. Er will nächstes Jahr drei Monate wandern, aus Franken nach Frankreich zum Beginn des Jakobswegs.

Abstieg über einen schönen wilden Pfad mit einigen rutschigen Ab- und Aufstiegen durch steile Bachrinnen. Dann kommt natürlich noch der Aufstieg zur Klinkehütte. Der Wirt begrüßt mich, „du bist der Michael“, das finde ich nett.

Draußen vor der Hütte treffe ich ein älteres Ehepaar – warum „älteres“? Die beiden sind fröhlich alt. Sie hat ihre weißen Haare kurz geschnitten. Ich habe eine Schwäche für alte Frauen mit weißen, kurzen Haaren. Wenn sie sich mit ihrem Mann unterhält hört man wie sie in kurzen Abständen mit ihrem Lachen die tiefe Stimme ihres Mannes unterbricht. Als er nach dem Essen seine Zigarre aus der Aluröhre holt und anzündet, setzt er sich einen Tisch weiter, um sie nicht zu stören.

Wir kommen ins Gespräch. Sie fragen mich nach meinen Etappen aus und sie wissen genau wie der Weg da ist und einer von beiden weiß es immer ein klein wenig genauer als der andere. Beide lachen, wenn sie sich korrigieren und ergänzen.

„Morgen kommst du durch Diekmannsdorf, da ist eine sehenswerte  romanische Kapelle.“ – „Die Maria ist über neunhundert Jahre alt.“  – „Aber viel ist von den Fresken zerstört.“ – „In der Apsis der Pantokrator (Jesus als Weltenherrscher) ist gut erhalten.“ – „Der ist nicht barock übermalt, aber nicht von so guter Qualität.“ – „Es ist halt frommer Kunst auf dem Dorf.“ – Wie beim Tennis schaue ich zur einen Seite, zur anderen, wieder zurück. Was man schreibend nicht dokumentieren kann, ist das Lachen, das fröhliche Lachen.

Und sie sind sehr selbstironisch. Ich frage, auf welchem Weg seid ihr hier hoch gekommen? Sie: „Mit dem Auto, da steht es.“ Dann von der Hütte hoch zur Alm und wieder zurück.

Sie erzählen von berühmten Felszeichnungen in den Seealpen – wo ich ja auch noch hinkommen würde. Sie waren damals mit Zelt und Kocher unterwegs. Als sie dann nach Tagen in der Wildnis im Zelt  wieder am Auto ankommen, überprüfen, ob noch Luft in den Reifen ist, einsteigen und losfahren, macht er nach wenigen hundert Metern eine Vollbremsung: „Ich habe den Autoschlüssel vergessen!“ Sie lachen beide aus vollem Herzen. – Ich denke, so ist es: Jeden Morgen und jeden Abend der Check, wo ist was, und ist alles da?

Sehen wir uns noch beim Frühstück? „Kommt drauf an, wann du losgehst. Bei uns ist der Schlendrian eingezogen.

So möchte ich alt sein!

Ein Kommentar

  1. Für eine Raupe hattest Du über die gesamte Strecke mit hm einen „steilen Zahn“ drauf 🤗
    Ich hatte fast das Gefühl mit Dir und den beiden Älteren am Tisch zu sitzen (gut geschrieben, Michael). Wie schön, dass Du auf solche liebenswerten Menschen triffst.

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