Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 5.10, 18.07.26
14,4 km, 1.099 hm rauf, 848 hm runter, 4:32 / 5:37 h
Im Führer war die Tour als etwas merkwürdig angekündigt: Schwer zu finden, weil die Markierungen fehlen würden. Um das vorweg zu nehmen, da hat sich seit Erstellung des Führers eine Menge getan. Der Weg wurde sogar an einigen kritischen Stellen ausgebaut und die Markierung ist hervorragend.
Aber das Thema, “den Weg nicht finden”, war gesetzt und daran habe ich mich gehalten.
In der Rifugio Eita war man bereit um 6:30 Uhr das Frühstück vorzubereiten. Und darüber war ich sehr froh. Die vier Zimmergenossen, ungefähr gleichaltrig, Radfahrer, haben geschnarcht, dass ich kaum ein Auge zutun konnte. Ich ärgere mich, dass ich nicht in den Esssaal umgezogen bin und dort auf der Bank geschlafen habe.
Endlich durfte ich aufstehen, schnell gepackt, statt Müsli irgendwelche Kellogs gegessen und los. Es war kalt draußen. Aber nach wenigen Metern ging es bergauf. An einer Eselherde bin ich vorbeigekommen.

Am Lago di Tres schlenderte ich etwas rum, die alten, niedrigen Almgebäude sind ganz neu mit Kupfer eingedeckt worden. Trotzdem ist da jetzt niemand. Für mich ist es noch zu früh eine Pause zu machen. Da sehe in der Ferne im Flußbett des Torrente Roa Sca etwas glitzern. Es sieht so aus, als ob jemand einen sehr gleichmäßigen Fußboden runder Steine in den Fluss gelegt hätte, über und zwischen denen der Fluss nun fließt. Ich folge dem Fluss flussaufwärts und finde noch mehr solcher Stellen. An den Rändern glatt geschliffene Felsen.

Mich erinnert das Bild an ausgetrocknete Flüsse in Südafrika. Könnte es sein, dass die Gletscher das Flussbett in diesem Hochtal glatt geschliffen haben? Unter dem Eis des Gletschers sammelt sich das Schmelzwasser, fließt in dem nicht stark geneigten Hochtal gleichmäßig ab und alles, was an Sand und Geröll mitgeführt wird, schmirgelt den Boden glatt?
Ich bin so entzückt über meine Entdeckung, dass ich erst nach einer halben Stunde auf die Idee komme, mal zu schauen, wo eigentlich mein Weg lang geht. Vor mir im Tal ist ja auch eine Scharte und sicherlich ein Pass.
Das GPS lügt nicht, ich steige im falschen Tal hoch. Ich brauche etwas Zeit, bis ich über Stock und Felsen endlich den richtigen Weg unter den Füßen habe – und außer Atem bin ich auch.
Nun steige ich diszipliniert den Wegmarkierungen und dem GPS folgend zum Lago Venere auf. Dorthin war der Geländemotorradfahrer gefahren, den ich im Augenwinkel gesehen hatte, als ich dem Fluß gefolgt bin. Er steht jetzt mit einer Angel am Ufer und wartet, dass die Forellen von seinem Köder überzeugt sind. Dass Fische im Teich sind, sieht man von oben, denn hier und dort tippen sie Ringe in die Wasseroberfläche.

Da ich gestern Käse gekauft hatte und heute einige Kekse mitnehmen durfte, habe ich jetzt ein gutes, zweites Frühstück.
Dann beginnt der ernstere Teil des Ausfstiegs zum Passo Verwolera. Unter schräg liegenden, glattgeschliffenen Gneisplatten aufwärts. Dann in eine Schuttrinne. Die fand ich gar nicht so unangenehm, weil der Schotter groß und grob genug war, um Halt zu finden. Aus der Rinne raus, auf einen Rücken. Jetzt wird es unangenehm, denn der Schutt und die großen Brocken sind in Erde eingebettet. Die Gletscher haben zum Pass hin fruchtbaren Boden zurückgelassen. Es ist mühselig. Entweder ist die Erde nass und rutschig oder sie ist staubig trocken und deshalb rutschig. Zwar ist probiert worden Serpentinen anzulegen und einzelne Steine abzustützen. Aber es hilft nicht: Regen, Schnee bringen das Ganze wieder in Bewegung nach unten. Mir läuft der Schweiß. Und dass ich rechts in die eine Rinne runterschauen kann und links in die andere, während ich dort hochturne, hebt meine Stimmung auch nicht. Endlich wird es weniger steil, aber es geht noch immer so weiter, hochsteigen, rutschen, nochmal hochtreten. Dann ist es schlagartig vorbei und ich stehe vor einem riesigen Blockgelände. Hier sind die Markierungen wirklich notwendig und hilfreich, um durch dieses Gewirr den einfachsten Weg zu finden. Zwischen den Blöcken finde ich Marmor.

Es geht weiter hinauf. Endlich wird der Pass sichtbar und nach einer Querung stehe ich auf einem Plateau mit einer atemberaubenden Sicht zurück und voraus.
Wie wird der Abstieg sein? Im Gegensatz zum Aufstieg ist er gemütlich. Selbst die Querung eines steilen Schuttfeldes nach unten bietet einen Pfad, der breit genug ist.
Dann geht es über federnde Almwiesen hinab zum Bivaco del Lago. Hier ist der ganze Kessel zu überblicken.
Hier ist das Video!
Rechtzeitig zur Mittagszeit bin ich am Rifugio Malghera. Ich habe Hunger und bin erstaunt als mir eine ganze Flasche Wein auf den Tisch zum Wasser gestellt wird. Gestern Abend hatte ich den Wein noch ausgelassen, aber jetzt …

Ich habe anschließend einen guten Mittagsschlaf.

Von diesem schönen Set esse ich nun seit drei Tagen und sehe immer, wo ich lang gegangen bin.


Laut gelacht habe ich! Konsequent isser ja, selbst beim Verlaufen.