Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 7.10, 22.08.26
15,3 km, 1.064 hm rauf, 793 hm runter, 4:56 / 6:01 h

Morgens, als ich zum Bäcker gehe, ist es kalt, richtig kalt, 7°. Der Herbst ist nah! Ich räume die Ferienwohnung auf, so gut ich kann und verabschiede mich von den Gastgebern – diese Ferienwohnung war genau das Richtige für mich nach dem Schock in La Chalp, so nett der Gastgeber-Fotograf da auch war.
Erst an der Straße lang und wie so häufig ist es dann nicht so ganz leicht, die erste Abzweigung von der Straße weg zu erwischen. Ich verpasse sie und habe keine Lust zurückzugehen. Also stiefel ich durch den Fluss, der bis über die Knöchel Wasser führt. Dreimal die Füße im Wasser, so nass werden die dann gar nicht. Die App zeigt einen Weg direkt den Berg hoch, auch daran bin ich vorbei gelaufen. Diesmal kehre ich zurück und stelle fest, den Weg gibt es nicht.
Derweil hat mich ein weißhaariger Trailläufer überholt. Ich meine, ich hätte ihn schon gestern gesehen. Mit mir sind noch unzählige andere Wanderer aus Ceillac unterwegs. In Serpentinen geht es gleichmäßig bergauf. Ich habe keine Lust zu überholen, aber es hilft nicht, die anderen warten und lassen mich vorbei. Über eine hölzerne Brücke über eine tiefe Rinne um einen Felsen rum. Endlich wird die Steigung flacher, noch ein Stück auf und ab und ich stehe am Lac Miroir. Ich habe den schon auf einigen Bildern in Ceillac gesehen. Er sieht schon eindrücklich aus: Im Hintergrund die Berge, grün der Lärchenwald und die Wiesen und dann der See.
Dreißig, vierzig Besucher haben sich um den See herum niedergelassen, Pic Nic. Es ist ja auch ein guter Aufstieg von Ceillac gewesen. Ich trinke kurz und gehe weiter.
Dann muss die Erinnerung an das Skigebiet kommen, dass Ceillac auch ist: Es geht über eine Skipiste hoch, dann wieder in den Wald und nochmal auf eine Liftversorgungsstraße, aber dann bin ich am Lac St Anna. Ein vollständiges anderes, hochalpines Bild. Die Moränen der ehemaligen Gletscher der Berge ringsum reichen bis an den See ran. Das Wasser ist leuchtend kristall-grün. Es sind Kalksteindeken auf dieser Höhe – wie schon in den letzten Tagen.

Scharen von Wanderern kommen hoch zum See. Ich frage mich wie die das gemacht haben? Parkplatz am Ende des Tals, 3,5 km Strecke, aber immerhin gut 500 hm Aufstieg.
Alte als Alleingeher, Junge, Familien mit Kindern und – Angler. Ich hatte einen Trupp mit Angeln überholt. Das war vor dem unteren See, Lac Miroir. Aber auch hier oben kommt ein Vater mit Sohn den Berg hoch, beide mit Angel am Rucksack und sie gehen gleich runter zum See und werfen die Angel aus. Wenn sie etwas fangen, wie bekommen sie den Fisch gesund und unverdorben runter ins Tal?
Nach einer langen Pause, ich will nicht zu früh an der Hütte in Maljasset ankommen, ziehe ich los. Ich überhole im Aufstieg zum Pass einen sehr alten Mann. In Trippelschritten geht er aufwärts, sehr langsam. Aber er kämpft sich hoch. Nach einem Blick in sein Gesicht würde ich sagen, er ist über achtzig. Wo will er hin, der Abstieg auf der anderen Seite ist tricky?

Am Col Girardin, 2.699 m, fragen mich zwei Französinen, etwa mein Alter, aus, wo ich herkomme und wo ich hingehe. Sie überschreiten die beiden Gipfel neben dem Pass und beim nächsten Col steigen sie wieder ab nach Ceillac. Sie werden wesentlich länger unterwegs sein als ich.
Vom Col erst über splittriges Gestein, dann geröllig bergab. Das geht aber alles gut. Ich weiß, dass die Herausforderung am Steilabschwung ins Tal auf mich wartet. Es beginnt mit einer noch einfachen Querung von Platten bergab, dann steuert der Weg auf eine Klippe zu, wieder geht es steil auf diesem splittrigen Gries bergab, an der Kante der Klippe wird es ausgesetzt, man kann das Dorf, die Straße und die parkenden Autos gut in der Tiefe erkennen. Am Fels, diesen splittrigen Platten, kann man sich leider nicht festhalten. Um die Kante herum geht es, aber dann geht es steil in riesigen Stufen bergab. Links schauen die bröselig, splittrigen Platten aus der Wand, vor mir liegen ihre zerbrochenen und zerbröselten Reste. Ich setze mich auf den Hosenboden, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Das ist unangenehme Kraxelei über der Tiefe. Dann geht es auf fußbreiten Pfad steil auf diesem Gries in Serpentinen bergab.
Mir kommt der weißhaarige Trailrunner vom Morgen entgegen. Ob ich auch von Maljasset zurück nach Ceillac gehen werde – wie er offensichtlich. Ich maule, dass der Weg schrecklich ist. Er: Im Abstieg ist er schlimmer als im Aufstieg, steil, rutschig, technisch, ausgesetzt, so dass einem die Angst im Nacken sitzt, abzustürzen. Genau, so empfinde ich das auch und er spricht es offen aus. Wir verabschieden uns: Bon Route!
Ich frage mich, ob die Franzosen länger leben, weil sie bis ins hohe Alter, sich in den Bergen einiges zumuten. Der alte Mann mit den Tippelschritten zum Pass hoch. Am Lac St Anna eine alte Frau mit Parkinson, die mit ihren Stöcken geht, obwohl ihre Hände zittern. Und der weißhaarige Trailrunner, der locker die Strecke, die ich gehe, hin und zurück läuft – läuft, nicht geht! Ich bin beeindruckt.
Mit mir bin ich aber ganz zufrieden, dass ich meinen Angstgegner, ausgesetzte Abstiege, heute ganz gut bewältigt habe.
In der Hütte werde ich freundlich von der Wirtin begrüßt. Sie merkt schnell, dass ich Deutscher bin und redet mich auf Deutsch an. Wo ich es doch nicht länger als zwei Jahre geschafft habe, an der Schule Französisch zu lernen. Die Resultate waren so düster, dass ich Französisch wieder abgewählt habe.
Jetzt, eineinhalb Stunden nach mir, kommt der alte Mann, den ich im Aufstieg zum Col Girardin überholt habe, hier an der Hütte an. Ich erkenne ihn sofort an seinen steifen Trippelschritten, noch bevor ich sein Gesicht sehe. Auch er hat diesen ausgesetzen, üblen Abstieg bewältigt. Respekt! Ich bin noch mehr beeindruckt.

