Regionalpark Queras: La Chalp – Ceillac

Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 7.09, 21.08.26

22 km, 1.265 hm rauf, 820 hm runter, 5:12 / 6:06 h

Starkregen weckt mich in der Nacht auf. Am Morgen regnet und gewittert es noch immer. Ich stelle den Wecker, jedes Mal, wenn ich wach werde, eine halbe Stunde später. Um acht quäle ich mich aus dem Bett, es regnet noch immer, Frühstück gibt es nur bis neun. Am Tisch viele Gespräche über das Wetter. Und wie wir die unterschiedlichen Vorhersagen deuten sollen.

Der Wirt – er ist tatsächlich Naturfotograf für Nature, Geo usw. gewesen – behält mit seiner App recht: Die Gewitterzellen sind durch und es wird sich ausregnen.

Der Gesprächspartner von gestern Abend am Tisch – Libanese, arbeitet als IT-ler in Paris – bietet mir an, mich nach Ceillac zu fahren, bzw. bis zu dem Punkt, wo die Straße gerade durch den Starkregen und Muren unterbrochen ist. So ein freundliches Angebot!

Aber ich bin um zehn, bei noch mittelstarkem Landregen, aufgebrochen. Der Weg beginnt direkt hinter dem Haus im Wald – was für eine Wohltat nach dem vielen Asphalt gestern. Es geht am Hang entlang unter alten Lärchen, dann bergauf über Viehweiden. Tatsächlich dünnt der Regen nach eineinhalb Stunden aus.

Der Abstieg zum Chateau Queras ist so rutschig, dass ich mich nur mit den Stöcken aufrechthalten kann. Das Chateau lass ich rechts liegen. In dem Dorf hätte ich aber gerne etwas zu essen bekommen – Fehlanzeige. Am Rand des Camping Platzes ziehe ich mich um, raus aus den Regensachen und der langen Hose. Jetzt kommt noch ein Aufstieg, da ist die kurze besser.

Starkregen im Gebirge …

Der Aufstieg ist anfangs sehr steil. Der Weg war in der App mit T4 gekennzeichnet. Aber wie schon beim letzten Mal ist es wohl so, dass der alte Weg durch den Bach / Fluss zerstört wurde – dann nur mit T4 begehbar. Jetzt aber ist der Weg neu angelegt worden, andere Streckenführung, weiter weg vom Bach. Außer dass er steil und geröllig ist, kann man sich wirklich nicht beschweren. T4 gibt es hier nicht mehr.

Am Col Fontaine gibt es tatsächlich Wasser, das brauche ich auch dringend. Dann schleicht der Weg oberhalb eines riesigen Erosionstrichters entlang – man bräuchte eine Drohne, um das ganze Ausmaß zu erfassen.

Der Weg zum Col Fromage führt durch alle Spielarten, die Kalk im Gebirge zu bieten hat. Die Kalkdecke liegt auf den kristallinen Decken, deshalb gibt es hier Almen und Bäche, wenn das Wasser aus dem Kalk auf die undurchlässigeren kristallinen Schichten trifft. Aber das Wasser setzt dem Kalk zu, deshalb dieser riesige Erosionstrichter. Bröselig wird es auch als der Weg durch porösen Riffkalk führt. Die Korallen habe eben viel Raum neben sich gelassen – für die Erosion jetzt ein Freudenfest. Der festere Kalk liegt als feiner Split – mäßig rutschig – auf dem Weg. Und der Dolomit – in dem 10 – 30 % des Calciums durch Magnesium ersetzt sind – liegt als blockiges Geröll vor den Füßen, der Weg führt durch von ganz oben bis fast ins Tal reichend Geröllhalden.

Ich stelle mir ein Korallenriff in der Nähe des Äquators vor, ringsumf flache Lagunen, in denen Wasser verdunstet und Kalk ausgefällt wird. Und in der Nähe des Riffs riesige Felder unter Wasser, wo in dem ausgefällten Kalk, das Calcium das Rennen um die elektrische Zuneigung des Carbonates gegen das Magnesium verliert – aber es bleiben ja mindestens 70 % Calcium im Dolomit. Und dann gibt es hier noch den Kalk in der Form von Marmor. Gestern schon war mir rosa Marmor aufgefallen. Für das Badezimmer fände ich das etwas übertrieben, aber ein rosa Farbklex auf dem grauen kristallinen Gesteinssplit, das erfreut das Auge. – Das alles anzuschauen auf den vier Kilometern vom Col Fontaine zum Col Fromage.

Am Col Fromage gibt es leider keinen Käse. Aber der Pass wurde wohl zum Transport des Käse von den Almen dieses Tales nach Süden genutzt.

Ohne Käse, aber dafür in freundlichen Serpentinen geht es bergab. Trotzdem wird meinen Füßen der Abstieg lang. Ich merke jetzt die neuen Schuhe. Gestern habe ich noch fast einen Krampf an den vier kleinen Zehen des linken Fußes gehabt. Heute tuen alle Zehen weh.

Die Ferienwohnung – welch eine Verschwendung für nur eine Nacht – habe ich zuerst nicht gefunden, sie liegt ganz am Dorfanfang. Die Wirtin holt mich beim Bäcker ab. Er ist ehemaliger Bergführer und wir kommen natürlich gut ins Gespräch. Sie fragt sofort, was ich zum Frühstück trinke und bringt mir Tee. Alles ist sauber und modern eingerichtet – welche eine Wonne nach gestern!

Ein Kommentar

  1. Was für ein Bild: ein Rennen zwischen Calcium und Magnesium, das Calcium aber trotzdem mit 70% auf dem Siegertreppchen. Klasse 👍

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