Alpenüberquerung Wien – Nizza, WN 7.05, 16.08.26
22.1 km, 1.513 hm rauf, 792 hm runter, 6:12 / 7:24 h
T4 – diese Markierung von Wanderwegen über die ich gehen muss, macht mir durchaus Sorge. Nach dem Update der outdooractiv.com Karten, ist auch der Weg aus Modane mit mehreren T4 übersät. Ich hatte im Valle d’Aosta gelernt, dass das eine Folge von Baustellen sein kann – bis zu dem Ergebnis, dass der Weg nicht mehr begehbar ist.
In Modane ist auf allen Karten vor Ort, die öffentlich aushängen, die neue Autobahn A 43, Autoroute de la Marianne, noch nicht eingezeichnet. Aber am Berg sehe ich die Auffahrt zu dem Tunnel und nachts auch die Lichter der Autos, die nach Italien fahren. An der Stelle, wo die Via Alpina Rot und der GR 5 hochgehen soll, sieht alles neu aus, neue Brücke, neu planiert und neue Versorgungsstraßen. Ich beschließe am Abend, ich gehe dort hoch. Der Umweg über die Kirche von Modane ist mehr als drei Kilometer länger. Bei einem geplanten acht Stunden Tag macht es einen Unterschied, acht oder doch neun Stunden unterwegs zu sein.
In einer Boulangerie packe ich noch ein Sandwich ein und los geht’s. Gleich hinter den Gleisen geht es hinauf – und steil geht es hinauf. Unter der Autobahnbrücke komme ich gut – und ohne T4 – auf neuen Versorgungsstraßen hoch, dann geht es in den Wald. Und es bleibt steil, sehr steil. Die ersten vierhundert Höhenmeter bleibt die Steigung über zwanzig Prozent. Mir tropft der Schweiss. Es gibt keine ebenen zehn Meter, um die Beine zu entspannen, es geht einfach sehr steil weiter hoch.
Nach fünfhundert Höhenmeter auf 1.500 m, geht es etwas bergab. Ich spüre diese vierhundert Höhenmeter in den Beinen.
Ich komme zu einem spannend angelegtem Spielplatz – mit echtem Wasser, das aus dem Fluss abgeleitet wird, kann man Dämme bauen, das Wasser mit Wehren stauen. Warum gab es das zu meiner Kindheit nicht. Hier kommt der andere Zweig, der an der Kirche in Modane gestartet ist, dazu.
Von nun ab geht es mit moderaterer Steigung weiter. Das Tal wird ganz eng. Ein Bunker mit Schießscharten und Öffnung für eine Kanone. Weiter oben sehe ich noch mehr Bunker und Stellungen – für welchen Weltuntergang hat man sich hier vorbereitet. Über der Engstelle thront ein verfallender Bau. Sollte das ein Hotel werden?

Ich muss langsam Pause machen! Meine Regel besagt, erste Pause nach zweieinhalb bis drei Stunden. Und jetzt bin ich schon über drei Stunden am Aufsteigen. Die erste Sitzgelegenheit ist besetzt, eine junge Frau macht dort ihr Pic Nic. Ich gehe weiter hoch und hoffe auf Wasser. Aber Wasser gibt es hier nicht, obwohl ein paar Almhütten am Hang stehen und ein Parkplatz als Startpunkt für Wanderer dient.
Noch weiter hoch. Endlich bin ich es leid und setzte mich an die Straße und frühstücke mein Sandwich. Ein Radfahrer, der heute morgen auch im Hotel beim Frühstück saß, hält an und wir unterhalten uns. Er ist seit Wien mit dem Fahrrad durch die Alpen unterwegs. Er will den gleichen Weg wie ich nehmen. Seine Fahrradspuren werde ich den ganzen Weg sehen. Er stellt noch einen Wanderer vor, der den Weg hochkommt. Via Alpina Rot, jedes Jahr zwei, drei Wochen. Ich treffe ihn später auf der Refuge du Mont Thabor.
Ich trödel mit der Pause, bleibe noch etwas länger sitzen als es nötig wäre. Eine Stunde schlafen wäre jetzt auch nicht schlecht. Der Aufstieg bis hierhin war anstrengend, es war ein Schlauch.
Dann geht es die schottrige Serpentinen hoch und ich hole langsam die Wanderer ein, die an mir vorbeigezogen sind, als ich so lange Pause gemacht habe.
Endlich komme ich auf die Hochebene und die Rundumsicht ist beeindruckend.

Der Mont Thabor, 3.178m, ist schon zu sehen. Es ist ein „Theaterberg“, vom Tal sieht er schroff und gigantisch aus, von hinten kann man ihn gemütlich erwandern.
Ich wüsste gerne, wie viele Berge mit dem Namen Thabor es gibt. Der Tabor, Berg und Stadt in Tschechien, der Berg der Hussiten, den ich vom Kanu auf der Elbe aus gesehen habe, kommt mir in den Sinn. In Smetanas Zyklus über die Heimat wird der Berg prominent musikalisch beschrieben. Weshalb hat man diesem Berg diesen Namen gegeben? Das scheint nicht ganz klar zu sein. Aber die Kirche auf dem Berg soll ihren Ursprung im 11. Jahrhundert haben. Ob Kreuzritter, die den echten Berg Tabor gesehen hatten, mit dem Namen für diesen Berg, ihre Erfahrungen in Israel in ihre Heimat nach Savoyen holen wollten?
Das Vorbild, der Berg Tabor in der Jesre’el Ebene in Galiläa, ist gerade Mal 588 m hoch, aber er steht allein in der Ebene und macht deshalb richtig Eindruck. Deborah hat den Berg strategisch intelligent genutzt, um die technologisch überlegenen Truppen des Sisera – Streitwagen und Pferde, mit einem wilden Haufen von Bauern zu besiegen, Richter 4. Und die Verklärung Jesu wurde nachbiblisch auf diesen Berg gelegt, Matthäus 17, Markus 9 und Lukas 9.
Also laufe ich an dem Refuge du Mount Thabor nicht vorbei, sondern mache den Umweg – nur ich kann mich nicht entschließen, einen Tag zu opfern, um den Berg zu besteigen. Ich trinke und ziehe weiter in den Abstieg. Das Wetter sieht nach Regen und Gewitter aus. Andere packen schon die Regensachen aus, als es anfängt zu tröpfeln. Ich will nicht unter der Regenjacke schwitzen und steige erstmal ohne ab.
Das Tal sieht eindrücklich aus.

Es sind knapp acht Kilometer und gut 700 m runter. Ich beeile mich. Kurz vor der Hütte tröpfelt es stärker, es regnet. Jetzt wird es knapp. Kaum bin ich durch die Tür der Hütte, donnert es und es regnet in Strömen. Vielen Dank, dass ich trocken angekommen bin.

